Kapitel 1: Der Weg einer Idee Teil 4

Die Welt im Wandel

Kaum eine Epoche hat soviel Gewicht auf die Entwicklung des modernen kreativen Menschens als die Epoche, in der wir uns nach dem Tod Ludwigs XIV befinden. Das 18. Jahrhundert! Nicht nur auf den kreativen Menschen hatte diese Epoche enormen Einfluss sondern auch auf den Menschen an sich. Aber auch hier gilt wie bisher, dass der kreative Mensch und die Kunst Einflüsse von überall her aufnahmen und alles verzweigt mit einander ist. Aber fangen wir von vorne an.

Als Ludwig XIV 1715 starb formte sich bereits eine neue Bewegung. Eine Bewegung die, die Vernunft als universelle Urteilsinstanz in den Mittelpunkt setzten will und sich somit lossagen will vom alten starren Weltbild, welches nur von Wenigen bestimmt wird. Alte religiöse Glaubenssätze wurden durch die aufkommenden Wissenschaften immer weiter entkräftigt. Gesellschaftlich sollte der Einzelne immer mehr individuelle Handlungsfreiheiten durch den Zugang zu Bildung, Erweiterung von Bürgerrechte und durch mehr Toleranz gegen über den Religionen erhalten. Die Epoche der Aufklärung fing an. Wieder einmal kann man Frankreich als Keimzelle dieser Entwicklung ansehen. Den Nährboden für diese Gegenbewegung zur bestehenden Ordnung hatte Ludwig XIV sehr fruchtbar hinterlassen.

Frankreich stand finanziell schlecht da. Unterm Strich überstiegen die Ausgaben des Landes sogar die Einnahmen so, dass Frankreich sich verschuldete. Rettungsversuche in Form von Reformationen der Steuern wurden seitens des Adels und des Amtsadels ausgebremst und abgelehnt. Ihr erinnert euch? Der Amtsadel wurde aus teilweise aus bürgerlichen Verhältnissen berufen (logischer Weise versucht genau dieser nun sein neues Lebensniveau zu erhalten). Hin zu kam noch, dass das Eintreibern der Steuern kaum einheitlich geregelt war und in einigen Regionen Frankreichs man einen gesetzlichen Freifahrtschein für das Abzweigen von Steuern in die eigene Tasche hatte. Die meisten Steuern hatten hier die Bauern zu tragen. Wo dies hingeführt hat, könnt ihr euch selbst weiter denken. Der Satz „Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen!“ (welcher übrigens nicht von Marie Antoinette stammt) spiegelt die Spannungen zwischen dem Bürgertum und alles oberhalb des Amtadels sehr gut wieder.

Und so brodelte es auf der einen Seite immer weiter und zur gleichen Zeit erlang die Aufklärung immer mehr Macht. Bis schließlich diese Spannungen ihren Höhepunkt in der französischen Revolution fanden welche von 1789 bis 1784 wüteten. Sinnbildlich kann man nun sagen verloren der Adel und der Klerus die restliche Vormachtstellung, die sie noch hatten. Im Zuge der französischen Revolution bekam das Bürgertum aber auch der Einzelne immer mehr Rechte und Freiheiten. Die alte Ordnung von Ludwig XIV fiel gewaltsam genauso wie ein Großteil der damaligen Adeligen. Eins hatte sich aber nicht geändert man war entweder für die Aufklärung und auf Seiten der französischen Revolution oder man fand sich schneller als es einem lieb war in der Warteschlange der Guillotine. Aber auch weltweit änderten sich die Machtverhältnisse. Die Aufklärung wurde zu etwas weltweiten. Mal mehr oder mal weniger aggressiv.

Kunst und Kreativität im Wandel

Die bisherige Kreativität bestand daraus, dass der Künstler das Idealbild der Kirche oder des Herrschers darstellte und in seinen Werken sogar überhöhte. Durch seine Unfreiheit als Mensch war er auch in seinem Schaffen unfrei. Die Kunst musste den Mächtigen gefallen! Alles andere war wenigstens ein finanzieller Selbstmord. Aber ständiges Wiederholen hat auch seine Vorteile und so stiegen die jeweiligen Fertigkeiten. Das beste Beispiel hier für ist die malerische Darstellung von Licht und Lichtverläufen, wenn ihr mich fragt. Kreativität war bisher immer nur etwas was dem Künstler inne wohnte und etwas was der Mensch durch die Gnade irgendeiner übergeordneten Instanz erhielt. Dies galt auch für die Inspiration. Kurz gesagt waren schöpferische Kräfte etwas unmenschliches. Der größte Abnehmer für Kunst aller Art war der Klerus und der Adel. Daher konnten sie auch bequem diktieren wie der Künstler seine Arbeit erledigen sollte und was Kunst oder „Nichtkunst“ war.

Nun aber wandelte sich das gesamte System. Der Einfluss des Klerus und des Adels verlor, wie auch in der Politik, immer mehr an Einfluss. Der Künstler sah sich damit konfrontiert, dass er auf einmal mehr und mehr im Wettbewerb mit Anderen stand. Er konnte nun also nicht mehr darauf zählen, dass der nächste Auftrag der Kirche oder des Adels ihn finanziell über Wasser hielt. Er musste seine Werke nun dauerhaft selber an den Mann bringen. Wo einst der Adelige im Atelier neben den Künstler stand, stand nun das Bürgertum und fing an über die Werke zu diskutieren und mit dem Werk vom Künstler XY zu vergleichen. Kunstwerke wurden langsam zu Handelswaren auf den öffentlichen Markt. Der technische Fortschritt brachte brachte nebenbei einen schnelleren Fertigungsprozess, günstigere Alternativen zu teuren Materialien und beeinflusste daher den stark aufkeimenden Kunstmarkt. Der einzige Unterschied zu anderen Handelsgütern war jedoch, dass die Kaufentscheidung mehr vom Geschmack und Gefallen des Käufers abhängig war als bei andere Handelsgüter.

Auch im Bereich der Kreativität änderte sich einiges grundlegend. Kreativität und Inspiration wurden zu etwas, was jeder Mensch von grundauf in sich hat. Beidem wurde auch etwas ansteckendes zu getragen. So konnte ein Genie der Malerei ein anderes künstlerisches Genie mit seinem Werk inspirieren. Dieser wiederum erschafft aus dieser Inspiration ein neues Werk, was wiederum das nächste Genie zu einem Werk inspirierte. Eine Kette der Inspiration und künstlerischen Schöpfungen, welche sich ungehindert ausbreitet und überspringt wo es nur möglich ist. Es sei denn, sie trifft auf einen Menschen bei dem der Umsetzungungswille von Inspiration zu Kreativität fehlt, bei dem es sich nicht um ein künstlerisches Genie handelt oder einfach nur um einen Menschen der nicht daran interessiert ist die erhaltene Inspiration in Form eines neuen individuellen Werkes weiter zugeben. Dies als Grundlage förderte die Entwicklung von zwei gegensätzlichen Auffassung der Kunst: Die einen sahen in der Kunst reinen Selbstzweck, Kunst dient immer nur den Künstler! Die Gegenseite sah die Kunst in der Pflicht einer Aufgabe, die Kunst solle insgesamt belebend wirken und soziale Bedeutung entfalten. Die Geburtsstunde der beiden Konfliktparteien, die ich bereits im Prolog erwähnte.

Und dass diese beiden Konfliktparteien bis heute so stark vertreten sind liegt vielleicht auch daran, dass beide während der Aufklärung ihre eigenen Kunstarten hatten. Der Klassizismus war grob gesagt ein Revival der Formsprache der griechischen Klassik gepaart mit den Leitsätzen der Aufklärung. Als Gegenbewegung kann man die Romantik sehen. Sie stellte die Verherrlichung des Gefühls anstelle der Vernunft des Intellekts in den Vordergrund. Das Leitbild war die schwärmerische Einstellung zum Individualismus und die daraus resultierende Einmaligkeit und Unabhängigkeit des Werkes. Und so begann ein Hin und Her durch die Kunstepochen. Je nach aktueller mehr oder weniger geprägt durch unsere beiden Streithähne.

Über die Zeit hinweg etablierten sich aber beide Ansichten. Beide hatte Einfluss auf die Ausrichtung der Kunst. Aber es dauerte eine ganze Zeit bis der entscheidende Impuls kam, damit sich zwischen ihnen etwas Neues gebärt. In der Zwischenzeit lenken wir unsere Aufmerksamkeit lieber auf Joseph Nicèphore Nièpce (1765 – 1833), Louise Jacques Daguerre (1787 – 1851) und William Henry Fox Talbot (1800 – 1877) und daraus was sie uns hinterlassen haben.

Mit freundlichsten Grüßen