Eine Fotografie entspricht nicht der Wirklichkeit

Sie wusste genau, was sie wollte!“

„Da rüber, neben den Bäumen, mit dem See im Hintergrund.“, sie beobachtete die Szene, welche sie in ihren Gedanken arrangierte, dabei blickte sie immer wieder prüfend in das Okular ihrer Kamera. Anschließend ging sie einige Meter vor, markierte ein X mit ihrem rechten Fuß in den feuchten Boden und zeigte ihrem Begleiter, an welcher Stelle er in wenigen Sekunden zu stehen hatte, und übergab ihm die Kamera.

„Warte, bis ich fertig bin! Ich möchte mich an diesen Baum anlehnen, den See und das Schloss im Hintergrund. Mache erst das Foto, wenn ich lächele! Achte darauf, dass niemand anderes außer mir auf dem Foto ist“, gab die junge Dame als Anweisung.

Der junge Mann, vermutlich ihr Freund, schaute etwas überfordert und versuchte den Anweisungen zu folgen.

*Klick*

Eine nicht ganz unbekannte Szene, wie wir sie an jedem anderen X beliebigen Ort dieser Welt immer wieder zu beobachten. Oberflächlich betrachtet ist es gar nichts besonderes. Wenn man aber genau hinschaut und hinhört, dann ist es eine präzise formulierte Erwartung eines Menschen, an eine Fotografie und die damit verbundene Erinnerung an einen bestimmten Moment, an einem bestimmten Ort, mit einem bestimmten Gefühl. Interessant fand ich den jungen Mann, an ihm hing nun eine Erwartung das „perfekte“ Bild zu produzieren, welches später als Beweis für einen wundervollen Ausflug dient, an dem alle Beteiligten unheimlich viel Spaß hatten.

Heute frage ich mich was aus dieser Fotografie wurde?

  • Wird diese Fotografie Daheim an einen ganzen speziellen Ort aufgehängt, um sich an diesen besonderen Ausflug zu erinnern?
  • Vielleicht wird diese Fotografie auch aussortiert, denn der junge Mann erwischte nicht den richtigen Augenblick?
  • Wird sich die Dame selber auf der Fotografie mögen oder sich vielleicht an ihre eigene Mutter erinnert fühlen?

Denkbar ist auch, dass diese Fotografie verborgene Erinnerungen auslöst, an ganz andere Orte, mit anderen Menschen, welche nun durch das Abrufen der Erinnerung, auch mit ähnlichen Erfahrungen in Verbindung gebracht wird.

  • Wird dieses Foto eine isolierte „Happy Time“-Erinnerung in einer beendeten Beziehung sein?
  • War sich die Dame, über alle diese Möglichkeiten im Klaren, als sie das X auf dem Boden markierte und den Zeitpunkt des „Einfrierens der Zeit“ bestimmte?
  • Ist dieser Dame klar gewesen, dass die festgehaltene Realität im fertigen Print, mehr mir ihrem Herzen zu tun hat, als die Auswahl der Ausrüstung und des Papieres?
  • Hat die Dame erkannt, dass ihre Version zur Darstellung dieser Erinnerung, nur eine von unendlich vielen Möglichkeiten ist?
  • Wusste die Dame, dass ich die beiden beobachtete und zu schaute, hat es ihre Szene bereits gestört?
  • Wäre das X vielleicht woanders markiert worden, wenn sie unbeobachtet geblieben wären?

Und gerade diese normale und alltägliche Szene und diese Fotografie sind ein gutes Beispiel für den Konstruktivismus.

Eine kurze Erklärung:

Wie sehen die Welt so, wie wir glauben, wie sie ist.

Wenn wir frisch verliebt sind, sehen wir sie rosarot, wenn wir depressiv am Boden liegen, wird die Welt tiefschwarz.Wir sehen auch am oben genannten Beispiel, dass es keine Wirklichkeit existiert, wir konstruieren uns unsere Wirklichkeit der Welt. Der Konstruktivismus ist ein Ableger der philosophischen Erkenntnistheorie und stellt die Frage:

Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Um für heute zum Schluss zu kommen. Unsere Wirklichkeit ist ein Gemisch aus Sinneswahrnehmungen und individuell gemachten Erfahrungen. Aus diesem Grund ist sie subjektiv. Deswegen konstruiert jeder seine Wirklichkeit für sich selbst.
Daraus folgt:

Was wir sehen, ist nicht, was wir sehen, sondern, was wir sind. 

Fernando Pessoa

Gruß Herr Rausch

Für den Kaffee

Auch "Fotografen-Diesel" genannt

€1,00

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