Warum fotografierst du?

Woher beziehst du den Wunsch oder den Willen ein Foto zu machen? Warum fotografiert der Herr Rausch?

Ich hatte nach langer Pause, iim Zusammenhang mit meinem Wohnsitzwechsel nach Dänemark, wieder mit dem Fotografieren begonnen. Ich besaß zu dieser Zeit eine 1000D von Canon und wollte nichts weiter, als ein paar Urlaubserinnerungen konservieren, wenn meine Tochter aus Deutschland bei mir zu besuch war. Da ich es, als zu teuer empfand diese Kamera nur dann zu nutzen, wenn meine Tochter zu besuch war, interessierte ich mich schnell für weitere fotografische Themen. Unter anderem waren es des Fotovereins „Downstairs“ und der „Copenhagen Fotomeetup„.

Ganz nebenbei war es für mich auch ein wichtiger Schritt der Integration in Dänemark, denn ich war schließlich der Ausländer und die sozialen Kontakte auf meinem Arbeitsplatz reichten dafür nicht aus, um in einem fremden Land „Fuß zu fassen. Es ging dann relativ schnell und ich interessierte mich darüber hinaus für die Stockfotografie und produzierte für Fotolia sehr gezielt Fotos. Ich wurde Mitglied im Fotoclub „Downstairs“, dessen Mitgliedschaft mir erst den vollen Zugang zur Fotografie ermöglichte. Es war noch die Zeit der „Models“, der „Fashion“ und „Beauty“ Fotografie.

Es kam über Kontakte, Freunde, deutsche Arbeitskollegen in Dänemark dazu, dass ich in Kopenhagen Hobbyfotografen aus Schwerin kennenlernte, mit denen ich von Kopenhagen aus Fotoworkshops in Schwerin organisierte.  Zu dieser Zeit fühlte ich mich wie ein ganz großer Hecht. Mit den Jahren wuchs der Wunsch sich als Fotograf selbstständig zu machen, was gehörig schief ging. Die Wirtschaftskrise (um 2010 herum) sorgte dafr, dass ich nach Schwerin gezogen bin. Ich hatte über die Fotografie meine große Liebe kennengelernt und wir lebten eine Weile zusammen. Leider verschlangen mich die Arbeitsbedingungen und die Arbeitspolitik in Mecklenburg- Vorpommern und warfen mich in eine tiefe Depression.

Bis ich letztlich nicht mehr in meinem alten Beruf des Elektrikers arbeiten durfte und mich beruflich neu orientieren musste. Mir flog alles um die Ohren und war gezwungen, komplett neu anzufangen. So kam es dazu, dass ich an der S.E.T. ein Studium zum Medienfotografen machte. Seitdem beiße ich mich wieder als Fotograf durch.

Das Studium der Fotografie änderte jedoch wesentlich den Grund, weshalb ich überhaupt Fotos mache.

Die eigentliche Idee war es Erinnerungen zu konservieren, um es dann in eine Art-Selbstdarstellung zu ändern: „Seht her was für ein toller Fotograf ich bin“, um es nach dem Studium wieder zu ändern.

Heute betreibe ich die Fotografie anders als in der Vergangenheit. Bedingt durch meine zurückliegende Depression habe ich sehr viel Zeit damit verbracht diese Welt mit negativen Energien zu füttern. Ich habe soviel Zeit damit verbracht Negatives zu finden und mich dazu zu äußern, bis es mich schließlich selbst aufgefressen hat.

Heute habe ich keine Lust mehr auf diese Negativität und ich frage mich wie es dazu kommen konnte. Ich konzentriere ich mich stattdessen auf die schönen Dinge in meinem Leben, halte sie fest und konserviere diese.Ich spüre wieder wie flüchtig die schönen Momente des Lebens sind und denke mir, wenn ich ein Foto von etwas oder jemanden mache, der mir eine schöne Erinnerung bereitet, dann konserviere ich diesen Moment, diese Person oder diese Szene und mache sie somit leichter verfügbar in meinen Erinnerungen. Das ist der Grund warum ich heute fotografiere.

Viele von uns fürchten sich, um den eigenen Ruf und neigen dazu jedem immer gefallen zu wollen.

Mit Fotografien versuchen wir eine Erinnerung von einer Person oder Begebenheit zu schaffen, diese Erinnerung soll möglichst bleiben. Denn jedem von uns ist klar, dass er eines Tages von dieser Welt gehen wird. Unsere Fotografien werden allerdings bleiben. Deshalb behandeln wir unsere Fotografien, wie unsere Kinder, wir lieben sie und hoffen darauf das ihre Anwesenheit unserem Leben ein wenig Glück und Freude bereiten. Nich selten fürchten wir uns vor dem Löschen oder der negativen Bewertung unserer Erinnerungen und unseres Lebens. Nicht wenige von uns haben ein Konzept, für ihr Ego entwickelt, dass sich auf Erinnerungen beruft. Wenn wir keine Erinnerungen hätten oder ein Gefühl von Kontinuität, welches sich auf unsere individuelle Geschichte von der Kindheit bis jetzt bezieht, würden wir nicht als Menschen oder Individuen existieren. Deshalb haben wir Angst unsere Erinnerungen zu verlieren.

Warum?

Wenn du an Demenz leidest, vergisst du deine Erinnerungen und eine Tages vergisst du, wer du bist. Technisch gesehen bist du dann eine leere Hülle in einer menschlichen Maschine. Es ist interessant zu beobachten, dass gerade die Fotografie zur Aktivierung von Demenz-Patienten dienlich ist. Es verschafft den Patienten eine Form von Linderung, wenn sie sich an etwas erinnern, wenn sie sich erinnern, wer sie selbst waren.

Wir machen Fotos, um nicht zu vergessen!

Wie sinnvoll ist es dann, sich von unbekannten Dritten manipulieren zu lassen und sich die Sichtweise auf diese Welt diktieren zu lassen?

Meine Eltern und ich begannen mit der Fotografie auf 35mm Film. Wir haben unsere Erinnerungen auf Celluloid gespeichert. Heute bedienen wir uns der digital Technik und geben nicht wenig Geld aus, für teure Speichersysteme und Konservierungslösungen. Wir versuchen unsere Erinnerungen zu bewahren, indem wir unsere Fotos schützen oder sichern. Wir tun dies physisch oder in der „Cloud“. Aber was passiert wenn du alle deine Fotos verloren hast? Wenn ein Virus oder ein EMP all deine Festplatten zerstört? Wenn die Cloud abgeschaltet wird? Bist du dann noch existent? Bist du dann noch ein Fotograf?

Natürlich sind wir dann noch existent.

Wir sind nicht die Summe unserer Fotografien, wir sind auch nicht die Summe unserer Erinnerungen. Fotografien und Erinnerungen sind etwas aus der Vergangenheit, die bei richtiger Interpretation ein ungefähres Abbild deiner Selbst ergeben. Es ist Normal, wenn es nicht zu 100% mit dir übereinstimmt. Eigentlich ist es ganz schön dumm von uns, dass wir denken unsere Fotos ergeben ein genaues Abbild unserer Person.

Denn wir schummeln ganz gerne. Wir vermeiden unvorteilhafte Fotos von uns, weil wir Angst haben, dass hässliche Fotos von uns, auch ein hässliches Leben bedeuten. Wir lassen uns beeinflussen durch Dritte, damit wir ihnen gefallen. Wir sind so besessen von der wahnsinnigen Idee des Gefallenmüssens, dass wir uns gerne selbst-verkaufen,selbst-verbiegen und selbst-vergessen. Wir tun alles mögliche, um endlich gemocht zu werden. Entspann dich!

Du bist schön!

Nur die Fotos von dir sind hässlich! Du kannst aber auch schöne Fotos haben und in Wirklichkeit ein hässlicher Mensch sein.

Wenn du jetzt weiterdenkst, kannst du einen wichtigen Schritt nach vorne machen!

Du kannst nämlich auch schöne Fotos und Erinnerungen haben, aber in Wirklichkeit sind diese „gephotoshopt“, optimiert und gestellt. Dies geht schneller als man denkt.

Niemand von uns hat eine perfekte Familie und doch existieren Familienfotos auf denen alle lächeln und vorgeben glücklich zu sein. Wenn wir alle, für diese Familienfotos genauer und wahrhaftiger gewesen wären, dann würden einige rücksichtslos aussehen, andere gestresst, der Teenie gelangweilt oder frustriert, irgendjemand wäre verärgert usw. usw.

Fotografiert also aus der Freude heraus!

Warum fotografieren wir? Weil wir sterben werden und sich jemand an uns erinnern soll. Es ist wichtig zu begreifen, dass wir eines Tages sterben werden, denn dies lässt uns jeden einzelnen Tag besonders nutzbar machen. Denn wir werden dadurch den Schmerz und die störenden Kleinigkeiten des Tages ignorieren, es ermöglicht uns ein Lächeln, eine Glückseligkeit und eine Menschlichkeit, welche unerreicht sein wird. Fotografiere aus Liebe und aus Wertschätzung für das Leben. Fotografiere um den ganzen scheiß Alltag zu vergessen!

Gruß Herr Rausch

6 Gedanken zu “Warum fotografierst du?

  1. Ich stimme Lars zu… bemerkenswerter Text… und vor allem ein Arschtritt, endlich mit dem FOTOGRAFIEREN anzufangen, WIE ICH die Welt sehe… Du erinnerst mich immer wieder daran… Was zum Teufel hindert mich daran…

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