Fotografie als Sprache

„Lesen ist denken mit einem fremden Gehirn. Doch das Gelesene zu verarbeiten, ist ein fortwährender Dialog mit uns selbst. Was lockt, ist die Aussicht, intelligenter über die Welt nachdenken zu können als zuvor.“

Precht, 12. Oktober 2015

Um uns über die Funktion der Bildsprache in einer Fotografie im Klaren zu werden, müssen wir uns Gedanken über unsere Kommunikation machen.

Wie kommt es zum berühmten Zitat:

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte!

Die Sprache

Die Kommunikation via Bildsprache funktioniert gänzlich anders, als unsere Schriftsprache. Unsere Schriftsprache enthält Buchstaben, die als Symbole für Laute stehen. Die Aneinanderreihung von Buchstaben ergeben Wörter und Begriffe. Diese Kenntnis reicht noch nicht aus, um Lesen, Schreiben und sich Verständigen zu können. Im Allgemeinen erlernen wir im Kindesalter, erst die Sprache und erwerben einen kleinen Sprachschatz. Als Erwachsene greifen wir korrigierend ein, wenn das Kleinkind Wörter und Begriffe nutzt, welche nicht im richtigen Kontext verwendet werden. Je nachdem, wie das Verfahren dieser Korrektur ausfällt, hinterlässt die Korrektur bei dem Kleinkind ein von dem Umfeld ausgewähltes Gefühl, für die Verwendung von Wörtern und Begriffen. In dieser Phase entwickelt das Kleinkind durch die Rückmeldung seines Umfeldes ein bestimmtes Gefühl im Zusammenhang mit Wörtern und Begriffen. Nicht selten erleben wir Erwachsenen und kleine Kinder, welche unpassende Begriffe oder Wörter in den Raum stellen und breit grinsend die Rückmeldung des Umfeldes erwarten. Als Kleinkind haben wir in dem Zeitpunkt keine Ahnung was eine „Fotze“ wäre, wissen aber, dass es ein schlimmes Wort sein muss, denn das Umfeld reagiert dementsprechend. Auf diese Weise vermitteln wir dem Kleinkind, unter anderem ein Gefühl, wie sich ein „böser“ Mensch und ein „guter“ Mensch verständigen würde. Oft wird übersehen, dass wir Erwachsenen es sind, welche erklärend dem Kleinkind ein Gefühl geben, welche Emotion in Verbindung mit bestimmten Worten und Begriffen (wie: “Kunst, Künstler, Freiheit, Fotografie, Demokratie, fleißiger Menschen, fauler Mensch, Arbeit, Würde, usw.“) gebracht werden soll. Dies ist ein wichtiger Bestandteil der Prägung in der Entwicklung eines Kindes.

Die erlernten und geprägten Gefühle und Emotionen im Zusammenhang mit Wörtern und Begriffen prägen den Menschen und begleiten ihn für den Rest seines Lebens.

Der Schalter-schief fotografiert

Der Umgang mit unserer eigenen Sprache, die Verwendung unserer gewählten Wörter und Begriffe, werden zu einem unübersehbaren Ausdruck unserer Weltanschauung und unser Verständnis des Lebens.

Wenn wir unsere Welt erfassen oder vergegenwärtigen, wenn wir uns Gedanken zu unserer Umwelt machen, dann sind wir unweigerlich an unseren Wortschatz gebunden und die damit verbunden Emotionen. Wir können keine Wörter und Begriffe denken, die wir nicht kennen und wir können keine Gefühle in Worte fassen, welche uns unbekannt sind.

Das Symbol

Noch bevor die Menschheit die Schrift erfunden hat, waren ihr Symbole bekannt. Symbole wurden verwendet, um anderen Menschen etwas zu vermitteln oder eine Information zu hinterlassen. Wir kennen Symbole der Fruchtbarkeit, der Religion, des Krieges, des Hungers, des Lebens und des Todes. Der Vorteil in der Verwendung von Symbolen ist, dass sie
„non verbal“ funktionieren. Ein Großteil der heutig verwendeten Symbole werden weltweit verstanden, als Beispiel nenne ich die international verwendeten Verkehrszeichen oder der islamische Halbmond oder das christliche Kreuz.

Der Mensch übersetzt mit Hilfe von Symbolen eine bestimmte Weltanschauung, einen definierten Glauben, eine Regel, ein Verbot oder ein Gebot.

Ein vermeintliches „Bild“ oder eine Skulptur, ein „Etwas“ wird auf diese Weise zu etwas, dass nicht mehr ausgesprochen und erklärt werden muss.

Polaroid SNAP

Die Schrift

Die Entwicklung der Schrift gehört zu den komplexesten Vorgängen, die die Menschheit hervorgebracht hat. Dafür war es nötig alle möglichen Laute einer Sprache mit einem Schriftsymbol in Verbindung zu bringen. Heute hat der Buchstabe „A“ die Bedeutung, dass er für den Laut „A“ steht. Ein Buchstabe allein reicht aber nicht, um die Reichhaltigkeit unserer Kommunikation zu veranschaulichen. Deshalb nutzen wir das Alphabet und kombinieren dessen Buchstaben, um überhaupt Wörter bilden zu können. Die einzelnen Laute unsere Alphabets können wir bereits mit Gefühlen bzw. Emotionen verbinden. Wir benötigen jedoch Wörter, Begriffe und Sätze, um diese Emotionen auszudrücken. Unsere hochentwickelten Gesellschaften denken ihre Gedanken in Wörtern und Begriffen, welche stets mit einem Gefühl, einer Emotion verbunden sind.

Hierbei kann es durchaus vorkommen, dass Symbole ein anderes Gefühl auslösen, als gewünscht. Ein Atheist reagiert auf das christliche Symbol des Kreuzes anders als ein Katholik. Hierbei haben beide beteiligten, für sich genommen, in ihrer Weltanschauung recht. Keiner der beiden kann falsch liegen. Dies liegt an ihrer Prägung und ihrer Denk- und Sichtweise über Wörter, Begriffen und die verbundenen Emotionen.

Wie wir mit diesen Differenzen der Weltanschauung und Lebensweisen und Sichtweisen umgehen, ist im Wesentlichen geprägt im Umgang mit unserem kulturellen Verständnis von unseren Schriften, im Verhältnis zu der Freiheit unserer Gedanken und in welcher Form wir uns zu etwas äußern.

  • Der neue Fotograf ist selbstbewusst, weil er sehr genau weiß was er tut und wie er handelt. Er hat begriffen: Es existiert kein Menschenrecht auf Absolutismus.
  • Der neue Fotograf zeigt seine Arbeiten nicht mehr für jedem X-beliebigen Volltrottel. Er wählt sehr bewusst aus, unterwelchen Umständen und welchen Gegebenheiten seine Arbeiten rezipiert werden können.
  • Der neue Fotograf folgt keinen Ideologien oder beugt sich merkwürdigen Lehren von „richtiger“ Fotografie.

Viele Grüße Herr Rausch