Wir können nur sehen was wir erwarten zu sehen

Die Art und Weise wie wir etwas Sehen, wird beeinflusst von der Tatsache, was wir glauben zu sehen.

Das was wir sehen müssen wir erst in uns vergegenwärtigen, wir erfassen das Gesehene und beschreiben es mit Wörtern, Begriffen und Kategorien, somit ist der Vorgang des Sehens mit der Semiotik und der Semantik fest verbunden. Jedes Wort, jeder Begriff hat für uns eine individuelle Bedeutung und löst eine Emotion in uns aus. Das Betrachten einer Fotografie, einer Situation, einer Person oder eines Ereignisses, hängt somit von den Wörtern und Begriffen ab, welche wir zur Beschreibung bzw. zur Vergegenwärtigung nutzten, die Auswahl der Wörter und Begriffe und dessen individuelle Bedeutungen machen die Persönlichkeit eines Menschen, eines Fotografen oder eines Betrachters aus.

„Ein Mensch kann nur sehen, was er sehen will!“

Beim Vorgang der Vergegenwärtigung positioniert sich der Mensch, der Fotograf und der Betrachter in seiner Umwelt und bildet Verhältnisse und Beziehungen zu etwas. Hier liegt ein entscheidender Unterschied zwischen der immerwährenden Rezepierung des Menschen und einer Kamera. Eine Kamera wandert von sich aus nicht von A nach B und fokussiert ständig verschiedene Objekte, Menschen, Dinge, Sachen und Ereignisse, um diese zu vergegenwärtigen, mit dem Ziel ein individuelles Verständnis einer „Realität“ zu konstruieren.

Das was wir in einem Bildmotiv sehen, was wir darüber denken, was wir über den Fotografen denken, ist festverbunden mit der persönlichen Perspektive des Betrachters und wie sich dessen individuelles Ego in der Welt verortet.

Eine Fotografie ist im Allgemeinen sehr still und kann nicht um die Aufmerksamkeit anderer buhlen. Dies bedeutet, dass der Betrachter ernstes Interesse haben muss, sich dieses Bildmotiv anzusehen. In diesen Augenblick schaut der Betrachter eher in ein Bildmotiv hinein und funktioniert wie der Lichtstrahl eines Leuchtturmes. Alles außerhalb des Lichtstrahles, liegt nicht innerhalb der Aufmerksamkeit des Betrachters und bleibt dadurch unbeleuchtet.

Dies macht eine Fotografie, Bildwerke im Allgemeinen stark abhängig davon, welche Betrachter sich die Bildmotive ansehen.

Liebe Grüße Herr Rausch