Das Fundament der neuen Fotografie

Die Aufgaben des neuen Fotografen

Der neue Fotograf ist ein „Soziologe mit einer Kamera“.

Seine Aufgabe ist es, die Gesellschaft zu analysieren, zu verstehen und zu dokumentieren. Die Kamera ist sein Werkzeug. Die symbolhafte Bildsprache der Fotografie ist sein Mittel der Kommunikation.

Alles kommt auf die Fragestellung an, die der neue Fotograf an die Gesellschaft stellt.

Dem neuen Fotografen ist klar, dass wer sich ausschließlich gefälligen Themen widmet, um zu gefallen, kann sich selbst in keiner Weise weiterentwickeln. Um aussagekräftige Antworten und Reaktionen zu erhalten, benötigt der neue Fotograf mehr als „hübsche“ und „gefällige“ Bildchen.

Der neue Fotograf wagt einen Blick über den Tellerrand, denn sie sind Soziologen, Psychologen, Philosophen. Sie beschäftigen sich mit Kunst und Kultur und nicht mit Facebook und Instagram. Sie befinden sich auf einer immerwährenden Suche nach Antworten, die über eine oberflächliche Besprechung hinaus geht. Die Wichtigkeit dieser Fragen und der Beschäftigung mit der Fotografie wird oft unterschätzt.

Mögliche Fragen der neuen Fotografie

  • Hat es einen Sinn etwas zu fotografieren oder hat es keinen?
  • Wer bestimmt über diesen Sinn?
  • Woher wird dieser Sinn abgeleitet?
  • Warum fotografieren wir überhaupt?
  • Wie frei ist die Fotografie?
  • Welche Ziele verfolgt die Fotografie?
  • Wer bestimmt über diese Ziele?
  • Wie frei ist der Fotograf, der Betrachter und die Gesellschaft?

Die Bedeutung des Fundamentes wird deutlicher, wenn wir verschiedene Bereiche der Fotografie ohne Rücksicht auf ihrer Bedeutung nennen: wissenschaftliche Fotografie, reproduktive Fotografie, handwerkliche Fotografie, publizistische Fotografie, Kunstfotografie, Kinematografische Fotografie und Fernsehen. Eine Aufzählung verschiedener Formen der Fotografie ist wichtig, da jede Sparte ihren eigenen Regeln folgt. Der Sinn und Zweck, das Überbringen einer Mitteilung, einer Erklärung oder das Vermitteln einer Information ist allen gemeinsam. Wir können an dieser Stelle darauf hinweisen, dass die Zeiten sich geändert haben. Die Fotografie hat sich diesen Änderungen unterworfen. Ein kritischer Blick bringt ohne große Mühen einen Verlust der Form in vielen Bereichen des menschlichen Zusammenlebens an das Tageslicht. Wir erkennen einen Verlust der guten und sinnvollen Formen der Kommunikation, des Verhaltens, des Benehmens und vor allem in der Rücksichtnahme auf sich selbst und anderen Menschen. Die Fotografie wird mehr und mehr zum Zwecke der Inszenierung genutzt: „Likes“ wurden zur Währung für Protagonisten und Fotografen, um ihren formlosen Charakter zu verbergen und verzerrt darzustellen. Wertlose, inflationäre Bildchen ohne „echte“ Information entstehen. Der Trend geht zur intuitiven und triebhaften Fotografie und entfernt sich von Vernunft gesteuerten und zielgerichteten kreativen Schaffen. Ist das eine erstrebenswerte Zukunft der Fotografie? So sehr sich die Einzeldisziplinen der Fotografie unterscheiden, so haben sie folgende Gemeinsamkeiten: Eine Fotografie wird typischerweise mit einem Apparat hergestellt. Früher war es ein mechanisches Verfahren, heute ist es ein digitales. Dies bedeutet nicht, dass reine mechanische oder digitale Abbilder entstehen. Ein Mensch wählte die Einstellungen eines mechanischen oder digitalen Apparates, um eine bestimmte Absicht zu realisieren. Der Prozess der Bildschöpfung ist bei der Realisierung bereits abgeschlossen. Dies bedeutet, dass der Wahrnehmungsprozess und die gestalterische Arbeit in dem Moment abgeschlossen sind, in dem der Auslöser des Apparates betätigt wird. Hier liegt der große Unterschied zur Malerei. Denn der Maler kann während der Bildschaffung in das Bild eingreifen und während der Schöpfung des Bildes neue Erkenntnisse in sein Werk einfließen lassen. Der unmittelbare Charakter und das sofortige Vorhandensein des fotografischen Bildes machen die Fotografie zu einer Widerspiegelung der Wirklichkeit des Fotografen. Es entsteht ein Dokument eines räumlich und zeitlich bestimmten individuellen Wirklichkeitsausschnitts. Darüber hinaus ist die Fotografie an das reale Objekt gebunden, man kann nicht fotografieren, was nicht existiert. Die Massentauglichkeit ergibt sich aus ihrem trügerischen Wahrheitsgehalt, welche sofort überall verfügbar ist. Alles was bisher gesagt wurde, behandelt natürlich nicht umfassend alle Grundlagen der Gestaltung fotografischer Formen. Es ist jedem selbst überlassen, wie intensiv die Beschäftigung mit diesen Grundlagen ist. Selbst wenn wir die Elemente der Gestaltung in ihrer Gänze meisterhaft beherrschen würden, garantiert es kein „gutes“ Bild. Es ist nötig und sinnvoll sein gestalterisches Können gezielt zu schulen und zu vertiefen. Eine kleine, wenn auch unvollständige Übersicht, soll veranschaulichen, welche Faktoren der Persönlichkeit die Fotografie beeinflussen.

Tafel 1:

Quelle: (Steiner, 1966)

An dieser Stelle sollte auffallen, dass die Fotografie weitaus komplexer ist, als das Vermitteln der Grundlagen einer Gestaltungslehre. Es existieren genug gute Bücher zum Thema fotografische Gestaltungslehre. Ich möchte hier darauf hinweisen, dass die Regeln der Gestaltung nicht immer völlig gleich sind. Das Leben eines Fotografens, eines Betrachters, eines Menschen sind auch nicht in allen Bereichen vergleichbar. Das Schaubild zeigt uns sehr deutlich, dass eine Fotografie von der Persönlichkeit eines Fotografen abhängig ist. Menschen und Fotografen verändern sich im Laufe der Zeit, dies bedeutet das sich die Fotografie auch ändert. Es ist für uns Fotografen nur möglich zeitlich begrenzte Sichtweisen auf die Dinge dieser Welt, mit einheitlichen Regeln der Gestaltung zu versehen. Ausschließlich die Weiterentwicklung und die damit verbundene Verbesserung unserer eigenen Persönlichkeit, ermöglicht eine Weiterentwicklung unserer Fotografie, unserer Umgangsform und unserer Form der Kommunikation. Ein wichtiger Schritt hierzu ist die Bereitschaft des lebenslangen Lernens. Es beinhaltet das ständige Schulen des gestalterischen Empfindens mit Hilfe von Malerei, Grafik, konkrete oder abstrakte Skizzen, es schließt das Studium von meisterhaften Fotografien und das Training eigener fotografischer, sozialer und emotionaler Fähigkeiten ein. Es bedeutet eine ständige Hinterfragung der eigenen Maßstäbe und Erwartungen, welche wir uns selbst stellen und sie ins Verhältnis unserer Umwelt setzten. Wenn wir uns als Fotografen, um eine positive Lebensform sowie Lebensführung bemühen und erstreben, wird in der Konsequenz unsere Fotografie auch eine positive Entwicklung nehmen.

Liebe Grüße Herr Rausch