Das Tee-Gleichnis

Was hat Fotografie mit Tee zu tun?

Oberflächlich betrachtet hat die Fotografie rein gar nichts gemeinsam mit Tee.

Wie gelingt mir dieser Vergleich?

Beginnen wir mit dem Tee und seiner Zubereitung. Es ist augenscheinlich kinderleicht Tee zu einem Getränk zu verwandeln.

Wasser kochen. Teebeutel rein und ziehen lassen. Fertig!

Die moderne Fotografie ist augenscheinlich kinderleicht. Kamera kaufen, Foto machen und Filter rauf. Fertig!

Polaroid SNAP

Ist es wirklich das ganze Geheimnis?

Tatsächlich ist es nicht ganz so leicht. Bei der Zubereitung von Tee und dem Erschaffen einer Fotografie, sind viele kleine Entscheidungen zu treffen, welchen das Endergebnis beeinflussen.

Nehme ich hartes oder weiches Wasser? Trinke ich grünen oder schwarzen Tee? Losen Tee oder Teebeutel? Und viele weitere Fragen müssen beantwortet werden, damit wir in den Genuss von Tee kommen.
Denn es existieren unterschiede in der Zubereitung von grünem und schwarzem Tee, obwohl die Blätter von derselben Pflanze stammen. Vielleicht wäre ein Früchtetee heute besser? Mit oder ohne Zucker, raffinierter Zucker, Kandis oder Rohrzucker?

Verdammt viele Fragen, bevor ich überhaupt mit der Zubereitung eines Tees beginne.

Wenn wir nun etwas fotografieren möchten, sollen es dann Porträts, Landschaften oder Stillleben werden? Bleiben wir beim porträtieren, was möchten wir proträtieren, mit welcher Ausrüstung, zu welchem Anlass und unter welchen Umständen? Ich beschränke mich an dieser Stelle auf das Portrait und wage es gar nicht in die anderen fotografischen Richtungen zu Fragen. Es würde uns in kurzer Zeit um die Ohren fliegen.

Insgesamt ist an dieser Stelle festzustellen, dass wir ähnlich viele kleine Entscheidungen treffen, unabhängig davon ob wir einen Tee zubereiten möchten oder etwas fotografieren möchten.

Als nächstes in dieser Phase der Erkenntnis festzustellen, dass wenn mir mein selbst zubereiteter Tee nicht schmeckt, es weder an der Teetasse, dem Teepott, dem Löffel oder dem Wasserkocher liegt, dass uns unser Tee nicht schmeckt. Wir haben ihn selbst entweder zu lang oder zu kurz ziehen lassen, wir wählten selbst die falsche Temperatur und eventuell sogar den falschen Tee.

Für die Fotografie gelten dieselben Regeln. Wenn ich eine Fotografie erschaffe, welche mir selbst nicht gefällt, ist nicht die Kamera, nicht der PC, nicht der Protagonist und auch nicht das Wetter Schuld, dass wir eine Fotografie erschufen, welche uns selbst nicht gefällt.

Wir sind selbstschuld an unserer Lage. Dies gilt für den Tee, sowie für die Fotografie.

Was soll dieser Vergleich?

Für einen eingemachten und geübten Teetrinker ist es gar nicht so leicht einen Tee zu zubereiten, welcher seinen eigenen Ansprüchen genügt. Auch für einen geübten und erfahrenen Fotografen ist es nicht leicht, eine Fotografie zu erschaffen, welche ihm selbst umhaut und gefällt.

Wenn dem dann aber so sein sollte, dann ist die Freude und der Genuss am vollendeten Werk fast unbeschreiblich.

Der Weg der leichten Lösung

Gott sei dank hält der Handel genug industrielle Lösungen für uns bereit, damit wir uns in Zukunft nicht mehr um die am Beginn dieses Textes besprochenen Fragen zu kümmern. Ein Knopf druck, fertig Tee. Ein Knopf druck, fertig ist die Fotografie.

Wir müssen dafür nur das Neuste vom neusten Besitzen. That’s it!

Wunderbar, dass in Zukunft immer derselbe Tee, in immer derselben Qualität, er Knopfdruck aus der wunderbaren Maschine kommt.

Kompliziert wird es erst, wenn man plötzlich die Teesorte wechseln möchte und feststellt, dass der Hersteller gerade für diese Teesorte keine Funktionen bereithält. Dann verzichtet man lieber auf diese schändliche Individualität, denn sonst steht diese Maschine still und versagt unter Umständen ihren Dienst. Wer will in Zukunft auch seinen Tee selbst machen müssen, nach individuellen Wünschen, dies ist außerdem schrecklich unmodern.

Gut, eine Kamera versagt nicht ihren dienst, wenn du nicht mit dem „offiziellem“ Portrait-Objektiv ein Portrait machst. Sie versagt auch nicht ihren dienst, wenn du mit einer 100er Festbrennweite Landschaften fotografierst. Dafür ist es wahrscheinlicher, dass du von „Ordnungshütern der Fotografie“ zurechtgewiesen wirst. Dir wird unmissverständlich klar gemacht, dass individuelle Abweichungen in dieser Gesellschaft nicht gewünscht sind. Du hast den Standards zu entsprechen und zu 100% dieselben Fotografien zu machen, wie alle anderen auch.

Zur Not kannst du dich als Fotograf an den Handel wenden und dir schnelle und billige Möglichkeiten in Form von Ausrüstung, Filtern und Workshops, genau die Kenntnisse aneignen, welche du benötigst, um möglichst nicht mehr individuell aufzufallen.

Das Ziel ist es:

Ein und derselbe Tee für alle. Ein und dieselbe Fotografie für alle!

P.S.: Dies funktioniert allerdings nur, wenn wir wirklich so wahnsinnig sind und fest in dem Irrglauben leben, dass alle Menschen in allen Punkten völlig gleich sind und ihnen jegliche Individualität nehmen.

Für wen ist das Ganze?

Wenn ich mir voller Vorfreude, in meinem Großraumbüro, meinen Matcha-Tee zubereite, dann geschieht es nicht zu selten, dass ich mit missgünstigen und abfälligen Blicken versorgt werde. Durch die Bank weg sind es Menschen, welche nicht ertragen, dass ich mich am Genuss von Matcha-Tee erfreue.

Wenn ich mich der Fotografie widme, treffe ich nicht zu selten auf Menschen, welche mir den Genuss an der Fotografie selbst nicht gönnen. Sie ertragen es nicht, wenn ich mich im Stadium der tiefsten Entspannung befinde.

Selbstverständlich haben diese Menschen genug Tipps, Ratschläge und Vorschläge parat, welche sie einem ungefragt und ungebeten quasi aufzwingen.

Fest steht bei all den Tipps nur, dass wenn du auf diese Menschen hörst, dass dein Genuss gar nicht mehr stattfindet. Dies ist auch Ziel der Unternehmung. Du sollst nämlich genauso unglücklich sein, wie der Rest der Welt. Schließlich sind alle Menschen gleich!

Viele Grüße Herr Rausch