Wie wird man ein furchtloser Fotograf?

Als Erstes sollten wir klären, was Kunst für einen selbst bedeutet und warum „Angst und Kunst“ eine schlechte Paarung ist. 

Beachtet für eure Antwort bitte:
Die Antwort auf „Was ist Kunst?“, muss jeder für sich selbst finden. Es schadet aber nicht, um zu einem Urteil über Kunst zu kommen, sich eingehend mit Kunst, Kunstphilosophie und Kunstgeschichte zu beschäftigen. Spätestens die Beschäftigung mit der Philosophie lässt den Schluss zu, dass es für diese Frage keine einheitliche Antwort existieren kann.

Für mich ist Kunst ein Werkzeug, andere Menschen bezüglich ihrer Lebensweise und ihrer Lebensphilosophie zu befragen.

Kunst hat nichts mit anspruchsvollem Blödsinn zu tun. Kunst hat auch nichts mit der Note 1 im Unterricht zu tun.
Kunst wird vom Menschen gemacht und beeinhaltet automatisch Fehler. Kunst ist ein Versuch unsere Umwelt ein wenig schöner und erträglicher zu machen. 


Alles, was vom Menschen gemacht ist, ist fehlerhaft und unperfekt.

Es hängt von jedem selber ab, ob jenes was ein Kind, ein Freund, eine Mutter, eine Tochter, ein Sohn oder der Künstler produziert, als wirklich „schön“ und erhaltenswert erkannt wird. Denn am „Kunstschönen“ trennen sich bekanntlich die Geister. Einer findet diese Sachen „schön“, ein Anderer findet gänzlich andere Sachen „schön“.

Wer soll, darüber bestimmen, was du schön ist?

Es reicht völlig aus, wenn du deine Betrachter zu einer Äußerung bewegst. In diesen schnelllebigen und oberflächlichen Zeiten ist es nämlich nicht einfach, überhaupt eine Reaktion vom Betrachter zu erhaschen.

Viele wollen lieber COOL sein und tun als würden sie über den Dingen schweben und nichts kann sie beeindrucken oder verunsichern.

Kommen wir zum zweiten Punkt auf dem Weg zum furchtlosen Fotografen.


Wer erinnert sich noch an seine Kindheit? An die Zeit, wo alles ganz leicht und fröhlich war? Habt Ihr Fotos davon? Was wolltet ihr werden? Astronaut, Lokomotivführer, Fußballstar, Popstar, Schauspieler?

Könnt ihr euch noch an die Zeit erinnern, wo eure Eltern euch ermutigt haben, genau diese eine Sache weiter auszuprobieren und eure Experimente weiter zu führen? Eure Eltern hatten einen verdammten Spaß, euch und eure Begeisterung zu sehen und zu erleben. Dabei habt ihr nur gespielt und einige Dinge einfach aus Spaß ausprobiert. Allerdings mag unsere heutige Gesellschaft keine Typen, welche hinterfragen und schon gar nicht Typen, welche zufrieden mit sich und der Welt sind.

Ich sehe unsere Gesellschaft mit ein wenig Sorge.

Wir versuchen unseren Kindern immer früher beizubringen, dass sie stillsitzen sollen, dass sie Mathe und Englisch lernen sollen, damit sie es in der Schule leichter haben. Wir versuchen ihnen schon sehr früh zu vermitteln, dass sie etwas leisten müssen, um es als Erwachsener leichter zu haben. Deswegen setzen wir unsere Kinder in eine Schule und zwingen sie mehrmals 45 Minuten still zu sitzen und Dinge zu machen, die mit der Aktivität eines Kindes nichts zu tun hat. Im Laufe der Schulzeit Formen wir einen wunderbaren passiven Bürger. Er macht alles wie ferngesteuert, solange es eine Bewertung der Leistung gibt. Meist kommt diese Bewertung über Strafen, es ist die extra Hausaufgabe für die schlechte Schulnote. Später, wenn wir Erwachsen sind, ist es der Entzug des Arbeitsplatzes und damit das Einkommen oder es ist die Sanktion in unserem sozialen System.

Ich habe den Mist lange als Schüler und Elektroinstallateur mitgespielt. Bis ich an einem Burn-out erkrankte, dieser hatte zur Folge, dass ich nicht mehr als Elektroinstallateur arbeiten durfte. Dies hatte zu Folge, dass ich mich neu orientieren musste.
Es kam zum Studium der Fotografie an der S.E.T und die Ausbildung zum Medienfotografen. Dies habe ich nicht allein entschieden! An dieser Entscheidung waren Ärzte und Psychologen beteiligt. Und ich war ein wenig überrascht darüber, wie sehr meine Freunde auf diese Entscheidungen reagierten. Die waren nämlich nicht davon überzeugt, dass ich an einem Burn-out litt. Die Depression hätte ich mir nur eingebildet, ein paar Pillen, ein wenig Ruhe und dann kannst du so weiter machen wie bisher. Es stellte sich sogar raus, dass es Menschen gibt, welche mit dem Wort Studium rein gar nicht anfangen können. Sie verwechseln ein Studium mit der Lernmethode in der Schule. Etwas zu studieren bedeutet nämlich nicht, etwas nach „Schema F“ auswendig zu lernen, um es dann abzuspulen. Es bedeutet auch nicht, sowie eine Bekannte Mal sagte: „Dann lernst du richtig zu fotografieren!“ (Sie meinte damit: Nach ihrem Verständnis richtig.)

Das Wort „Studium“ bedeutet: untersuchen, erfassen, durchdringen, verstehen, experimentieren.

Selbstverständlich hatte ich einen riesigen Spaß an meinem Studium der Fotografie. Ich habe es genossen, was ich lernte und wie ich es lernte, ich erinnere mich immer noch sehr gerne an meine Aufgabe der „Sportfotografie“. Dort habe ich Produktfotografien von einem Wasserkocher, einer Teekanne und einer Teetasse abgegeben. Ich erkannte, dass es nicht darum ging, dass ICH funktioniere. Sondern die Fotografien müssen funktionieren. Es war der Augenblick, wo es mir egal wurde, welche Note ich für meine Aufgaben bekomme. Es war mir einfach wichtiger, welche Erfahrung ich vermitteln möchte. Ich begann, meine Bildsprache zu entdecken und einzusetzen. 


Der dritte Tipp bezieht sich auf das Verhältnis zur Arbeit.


Erledige die minimale Menge an Arbeit auf deinen Job, ohne Gefahr zu laufen gefeuert zu werden.
Viele von uns sitzen eher in einem Gefängnis, als auf einer Arbeitsstelle. Wir sitzen an unserem Arbeitsplatz, sollen die Klappe halten, E-Mails beantworten, Ersatzteile bestellen, die Maschine am Laufen halten, auf Büroordnung Rücksicht nehmen, wir sollen uns sich ständig ändernde Regeln merken und ganz langsam der Arbeitspolitik zum Opfer fallen.
Setze die minimale Menge an Arbeit ein, um deinen Job gerade so zu behalten (das garantier ein sicheres Gehalt) und verwende die neu gewonnene Zeit für Tischtennis, „rum“ schrauben, ein Buch lesen, fürs Tanzen oder die Fotografie.
Es dankt dir niemand, wenn du ständig und immer den gewissen Extraeinsatz zeigst. Befördert wurdest du bisher auch nicht und in Zukunft wird es auch nicht geschehen. Du bekommst auch kein extra Urlaub. Wenn du krank wirst, sind alle stinkig, weil du dich überhaupt krank gemeldet hast.


Für mich klingt es intelligenter sich gar nicht erst übermäßig den Arsch aufzureißen, für jemanden der es gar nicht wertschätzen wird. Allerdings verzichtet man auf die Aussicht, eines Tages, irgendwann, unter Umständen, vielleicht eine Lohnerhöhung zu bekommen, um sich dann mit dem Neid der Kollegen zu beschäftigen. 

Lebe nicht, um zu arbeiten! Arbeite, um zu leben! 

Viertens: Die größte Angst ein Fotograf zu werden ist die Angst ein Fotograf zu werden.

Die größte Angst eines Fotografen ist, die negative Beurteilung. Wenn du dich umschaust, bemerkst du schnell das unsere Gesellschaft nicht wirklich Fotografen fördert und unterstützt. Denn wir alle sind umgeben von selbstverliebten „Kritikern“ und „Kuratoren“, wir können sie auch „Geschmacksschöpfer“ nennen.
Diese Welt sollte den Künstlern gehören und nicht den „Geschmacksschöpfern“.

Meine ganz persönliche Regel:

Ignoriere jegliche Art von Feedback, auf deine Fotografien durch Kritiker und Kuratoren! Es sei denn, sie haben sich schon länger mit dir beschäftigt und kennen dich persönlich. Diese Menschen solltest du ernst nehmen. Diese Menschen wollen und werden dir helfen, dich weiter zu entwickeln.
Nichts ist leichter, als eine Kritik zu schreiben. Dafür muss man nur etwas schlecht finden oder etwas kaputtmachen. Wir Menschen sind durch unsere Leistungsgesellschaft darauf gedrillt und geübt, uns abfällig zu äußern. Wir können unheimlich viel jammern und uns beschweren. Das ist gar kein Problem für uns etwas „doof“ zu finden.


Wir können nämlich alle, alles und jeden mit einer oberflächlichen Kritik überziehen und uns auskotzen, ohne dabei wirklich nachdenken zu müssen! Negative Kritik ist somit keine große Kunst!

Als ich mein Studium anfing, kamen sie ALLE auf mich zu: die Kritiker, die Kuratoren, die Laien und viele mehr. Sie stellten alles infrage, den Dozenten, die Lehrmittel, die Lehrinhalte, die Recherche nach alten Meistern, die Bücher. Heute ist es ganz interessant zu sehen, wer sich da  „masturbiert“ hat in Form von Kritik, weil man selber so furchtbar schlau ist. Wer es so nötig hat, soll gerne weitermachen. Ich ziehe andere Kontakte vor.


Der fünfte und wahrscheinlich wichtigste Tipp, ist das du die „Pfeifen“ erkennst und ihnen aus dem Weg gehst!


Es sind die Menschen, denen es du nie recht machen kannst. Sie haben immer etwas zu beanstanden. Die kennen gar nicht die Bedeutung von „gut genug“. Sie versuchen dich ständig zu manipulieren, damit du aufhörst, etwas zu tun, was dir Spaß macht. Sie ertragen es nicht, wenn du glücklich bist und stellen es sofort in Frage.
Die erste Möglichkeit diese Pfeifen aufzuspüren ist, indem du ihnen zeigst, was dir gefällt! Teile Kunst, die du magst! Teile Musik, welche du gerne hörst! Teile Videos, welche dich glücklich machen! Die Pfeifen werden es nicht einfach so hinnehmen, sie werden reagieren. Du wirst es sehen!


Es ist egal, welcher Art von Kunst du erschaffst. Habe höchstes Vertrauen in dich selbst! Zweifle niemals an dir selbst! Mach dich nicht abhängig von Meinungen anderer oder dessen Rückmeldung. Sei dein eigener Richter, deiner eigenen kreativen Arbeit!

Bleibt furchtlos!

Gruß
Herr Rausch