Der stoische Fotograf

Liebe Freunde,

einige werden wissen, dass ich mich seit einiger Zeit mit dem Stoizismus beschäftige.

Nein, meiner Einschätzung nach macht mich das noch lange nicht zum Stoiker.

Große Teile der Stoa Philosophie finden wir heute in der Verhaltenspsychologie wieder, somit wurde ein gewisser Teil dieser Philosophie wissenschaftlich. Dies geschah mit vielen Philosophien, die Ursprünge der Naturphilosophie wurden unsere bekannten Naturwissenschaften.
Selbst die Demokratie ist einem philosophischen Gedanken entsprungen.

Es ist also völlig falsch zu denken, dass wir die Philosophie heute nicht mehr brauchen. Schließlich basiert, auf der europäischen Philosophie unsere heutige Kultur und unser soziales Miteinander, selbst Moral und Ethik sind philosophische Disziplinen.

Bleiben wir an dieser Stelle beim Stoizismus, er half mir während meiner Therapie eine Depression und einen „Burn-out“ zu überwinden und hilft mir heute täglich ein besserer Mensch zu werden.

Was ist Stoizismus?

Der Stoizismus ist eine griechisch-römische Philosophieschule, die in etwa 300 v. Chr. bis ca. 200 n. Chr. gelehrt wurde. Ihre Lehren waren: 

  • Das der Mensch gemäß seiner Natur leben solle.
  • Das der Mensch sich seiner Vernunft bemächtigt und seine Affekte beherrscht.
  • Dass die dunklen Seiten des Lebens zum Menschsein dazugehören und diese stoisch gefasst zu leben sind.
  • Das tugendhafte Verfolgen seiner Tätigkeiten, der einzige Weg zur Glückseligkeit sind.

Einem Stoiker ist bewusst:

Das all sein Tun und Handeln, bei anderen Menschen eine Beurteilung zur Folge hat. Allerdings kann der Stoiker genau entscheiden, wie er auf die Beurteilung reagiert.

Einem Stoiker auch bewusst, dass man seinen Charakter als Mensch ständig weiter formen und entwickeln kann. Sein Ziel ist es ein vortrefflicher und vorbildlicher Mensch zu werden, dafür verfolgt er folgende Ziele:

  • Weisheit und Klugheit
  • Gerechtigkeit und Integrität
  • Mutiges und kraftvolles, leidenschaftliches Handeln
  • Mäßigung und Selbstdisziplin

Der besonderer Punkt der Stoa ist:

  • Alles hat eine Endlichkeit.

Ein Stoiker ist sich seines eigenen Todes bewusst. Er ist sich auch das Ableben all seiner Freunde bewusst. Deshalb ist das Leben in seinem Fokus der Aufmerksamkeit.

Seneca sagte einst:

Die Stunde, die uns das Leben gab, verringerte schon seine Dauer.

Nun habe ich die für mich wichtigen Punkte des Stoizismus aufgezählt, ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit und letztendlich Richtigkeit der genannten Punkte. Der große Vorteil des Stoizismus liegt nämlich darin, dass er sehr anpassungsfähig ist. Die unbewusste Beschäftigung mit dem Stoizismus hatte mir während meiner Therapie es ermöglicht meine Depression zu beenden, er hat mir geholfen vergangene Entscheidungen zu akzeptieren. Der Mensch lernt einzig und allein aus dem Machen von Fehlern. Fehler und Fehlbarkeit sind menschlich. Hier liegt auch ein ersichtlicher Grund der immensen Anpassungsfähigkeit des Stoizismus. Schließlich hat sich die Menschheit technologisch seit der Zeit des Römischen Reiches weiter entwickelt. Wenn wir uns nun die Texte von Seneca vor Augen führen, hat sich der Mensch selbst allerdings nicht wirklich weiter entwickelt hat. Deshalb sind die Themen der Stoiker seit dieser Zeit immer noch hochaktuell. 

Derzeit wird mir sehr bewusst wie begrenzt das Leben ist und wie ich damit in Zukunft umgehen möchte, zwangsläufig ergibt sich daraus eine Konzentration auf Dinge, die mir wirklich wichtig sind. Dies liegt daran, dass ich von einigen Menschen verlassen wurde und werde, die mir sehr an Herz gewachsen sind. Einen Großteil dieser Menschen werde ich nie wieder sehen können, ich kann mich aber als Mensch an sie erinnern.

Aus der Beschäftigung mit dem Stoizismus ergaben sich für mich folgende Lektionen:

Ausgehend von der Tatsache:

Ein Fotograf kann sein eigenes Verhalten, sein Tun und Handeln in seiner Gänze kontrollieren. Die Reaktion anderer Menschen, auf den Fotografen, seiner Arbeit und Bilder, entzieht sich der Kontrolle des Fotografen.

In dieser ersten Lektion geht es darum sich nicht, um die Ergebnisse zu sorgen. Denn ein stoischer Fotograf untersucht seine eigenen Arbeiten nach folgenden Kriterien:

  • Sind meine Arbeiten richtig und entsprechen sie den vollen Umfang meiner fotografischen Kenntnissen der Fotografie? Über steigt diese Arbeit sogar meine Kenntnisse und habe etwas dazu gelernt?
  • Welche Teile meiner Fotografie konnte ich kontrollieren und kann mich dort verbessern? Welche Teile meiner Fotografie, lagen außerhalb meiner Kontrolle? Welchen Teil dieser unkontrollierbaren Fotografie möchte ich mich in Zukunft nicht weiter aussetzen? Wie lasse ich diesen Teil weg? 

In dieser Lektion lernen wir, unseren Fokus mehr auf das Erschaffen von Fotografien zu legen.

Wir können als Fotografen den ganzen Tag im Studio verbringen oder draußen auf der Straße, ob wir letztlich ein „gutes“ Foto machen liegt zum größeren Teil in dem nicht kontrollierbaren Teil der Fotografie. Aus diesem Grund es ist wichtig, dich selbst zu hinterfragen, um für dich ganz allein festzustellen, ob du wirklich dein ganzes Potenzial als Fotograf abgerufen hast. Falls dies nicht der Fall ist, bist du dir selber eine Antwort schuldig. Schließlich müsste dir als Fotograf sehr bewusst sein, dass nur du allein bestimmst, wie intensiv du dich mit einem fotografischen Thema beschäftigst. Du allein bestimmt, wie lange etwas fotografiert wird und aus welcher Sichtweise. Du als Fotograf bestimmst über den Aufwand einer fotografischen Sichtweise. Dir sollte aber auch bewusst sein, dass deine Fotografien abhängig nicht kontrollierbaren Faktoren sind wie das Wetter, den Outfits deiner Protagonisten und dessen emotionalen Zustand. Du hast keine Kontrolle, darüber was deine Protagonisten wirklich tun wollen und was nicht. Ich nenne an dieser Stelle nur einige wenige Beispiele, welche außerhalb deiner Kontrolle liegen, die Liste ließe sich nämlich unendlich lang fortführen.

Aus diesem Grund möchte ich dich darauf hinweisen, das du weder traurig, frustriert, wütend oder entmutig sein solltest, wenn du es nicht schaffst, über Tage, Monate und Jahre auch nur ein einziges „gutes“ Foto zu erhalten, mit dem man selbst einigermaßen zu frieden ist. An dieser Stelle möchte ich dich nämlich daran erinnern, das die Fotografie nicht ausschließlich die „guten“ und „schönen“ Seiten des Lebens zeigt. Das echte reale Leben, in dem wir uns befinden, ist nämlich auch eher selten „gut“ und „schön“ zu uns. Der überwiegende Teil davon besteht aus Ungerechtigkeiten, Unzufriedenheit und vielen kleinen anderen „unschönen“ Dingen. Warum verknüpfst du also deine Erwartungen an eine „gute“ Fotografie. Ist diese Erwartung wirklich Weise und klug? In jedem Fall hast du nämlich neue Menschen kennengelernt, du hast dich in der Fotografie trainiert, eventuell hast du dir einen neuen Ort angesehen, du hast versucht dich intensiv mit etwas zu beschäftigen und im Augenblick der Fotografie, warst du damit sehr glücklich. 

Für mich persönlich bedeutet diese Lektion, dass ich mich von der digitalen Fotografie komplett verabschiede. Gerade in der digitalen Fotografie existieren, mir persönlich zu viele unkontrollierbare Faktoren, welche mir den Spaß an der Fotografie nehmen. In Zukunft wird man mir einen 35-mm-Film zur Verfügung stellen müssen, man wird diesen sogar selber entwickeln müssen und mir ganz genau erklären müssen, welche Erwartungen ich zu erfüllen habe.  Damit ich Lust habe, mich um andere Erwartungen (als meine eigenen) in der Fotografie überhaupt ernst wahrzunehmen, wird ein monetärer Anreiz von Nöten sein. Ich selber bin nämlich im Moment der Glückseligkeit, wenn ich meine Motive fotografiere. Ich kann aber sehr gut kontrollieren, wer sich zu welchen Bedingungen meine Fotografien anschaut. Für mich ist es ein Schritt hin zu mehr Freiheit, zu mehr Freude und mehr Selbstrespekt, Entspannung und Glück. 

Gruß Herr Rausch