Das Paradoxon der Kritik

Liebe Freunde,

viele Fotografen unter uns, fragen nicht selten nach einer Kritik für ihre Fotografien im Internet. Nicht wenige sind schwer beleidigt, wenn sie diese Kritik schließlich erhalten.

Als erstes…..

Was ist ein Paradoxon?

Ein Paradoxon

(Plural Paradoxa; auch Paradox oder Paradoxie, Plural Paradoxe bzw. Paradoxien; vom altgriechischen Adjektiv παράδοξος parádoxos „wider Erwarten, wider die gewöhnliche Meinung, unerwartet, unglaublich“
[1]) ist ein Befund, eine Aussage oder Erscheinung, die dem allgemein Erwarteten, der herrschenden Meinung oder Ähnlichem auf unerwartete Weise zuwiderläuft oder beim üblichen Verständnis der betroffenen Gegenstände bzw. Begriffe zu einem Widerspruch führt.
[2] Die Analyse von Paradoxien kann zu einem tieferen Verständnis der betreffenden Gegenstände bzw. Begriffe oder Situationen führen, was den Widerspruch im besten Fall auflöst.
(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Paradoxon)

Im Laufe dieses Beitrages werden wir uns auf die Suche begeben, warum wir eine sachgerechte und konstruktive Kritik benötigen, um uns weiter zu entwickeln.

Bevor wir weiter machen! Klären wir zu nächst noch einen weiteren wichtigen Punkt.

Was ist eine Kritik?

Unter Kritik versteht man die Beurteilung eines Gegenstandes oder einer Handlung anhand von Maßstäben. Wie die Philosophin Anne-Barb Hertkorn ausgeführt hat, ist Kritik damit „eine Grundfunktion der denkenden Vernunft und wird, sofern sie auf das eigene Denken angewandt wird, ein Wesensmerkmal der auf Gültigkeit Anspruch erhebenden Urteilsbildung.“
[1] Sie gilt im Sinne einer Kunst der Beurteilung als eine der wichtigsten menschlichen Fähigkeiten.
(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Kritik)

Ich weise ausdrücklich auf die Wichtigkeit der Maßstäbe hin. Diese Maßstäbe müssen VORHER festgelegt werden, um eine sachgerechte und konstruktive Kritik zu ermöglichen.

Worauf beruht dieses gefühlte Paradoxon der Kritik?

Diese Paradoxien der Kritik entstehen sehr leicht und sehr schnell in unseren modernen Leistungsgesellschaften. Wir leben in einem nie da gewesenem Überfluss und kaum begrenzter Produktivität. Der Wert aller von uns produzierten Dinge ist unfassbar gering, alles und jedes kann ohne Probleme jederzeit ausgetauscht werden.
Dies entwertet den Menschen in seinem Wert, somit ist es leicht nachvollziehbar, dass wir sehr ungern kritisiert werden und „negativ“ auffallen, um der Gefahr zu entgehen, gegen einen anderen Menschen ausgetauscht zu werden.
Hinzukommt das unsere Gesellschaften sich lieber „Unterhalten“ lassen möchten, als dass sie sich hinsetzt und ernsthaft eine Diskussion, um die Verbesserung der Formulierung der Kritik anstrebt, welche die Kritik selbst verbessert. Dies ist vielen zu anstrengend. Es wird nach schnellen Lösungen gesucht, um sich schnell einer gewohnt seichten und leichten Berieselung widmen zu können. Dies hat zur Folge, dass wir als Gesellschaft zur Maßlosigkeit neigen, welche nicht zu erreichende oder sehr flexible Maßstäbe einsetzt. Aus diesem Grund scheuen wir das Kassieren einer Kritik. Meist ist sie geprägt von Maßlosigkeit, nicht zu erreichender Erwartungen und die Formulierung der Kritik dient oft eher der Unterhaltung der Massen. Wir neigen zur oberflächlichen Betrachtung und Beurteilung unserer Umwelt, ohne sich eingehend mit ihr zu beschäftigen.

In unseren Kulturkreisen ist das Maß der Dinge die Sensation

Entweder ist es sensationell gut, billig und/oder schnell oder es ist Nichts. Auf dem Prinzip des Verfolgens der Sensation beruht auch der größte Teil unserer Kritik.
Ein weiterer Grund, welches dieses Paradox verstärkt, sind unseren sozialen Netzwerke.
Nicht wenige Fotografen bitten durch die Veröffentlichung ihrer Sichtweisen, um eine Kritik. Das verfolgte Ziel ist es, durch die Kritik seinen fotografischen Stil zu verbessern, aber seien wir mal ehrlich zu uns selbst und stellen uns diese Fragen: 

  • Ist es erwartbar, dass wir in sozialen Netzwerken eine fachkundige, sachgerechte und konstruktive Kritik erhalten?
  • Wenden wir uns aus dem Grund der Suche nach Kritik, an die sozialen Netzwerke?
  • Wollen wir nicht viel lieber „Likes“ abfischen und uns dadurch als „gut“ darstellen?
  • Welche Maßstäbe werden dort genutzt? Sind diese im Vorfeld besprochen worden? Ist dies in einer Weise geschehen, dass der Fotograf mit seinem Motiv überhaupt eine Chance hat, diese Maßstäbe zu erreichen?
  • Sind diese Maßstäbe tatsächlich sinnvoll, um sich stilistisch weiterzuentwickeln?
  • Ist diese Weiterentwicklung vielleicht nur ein zukünftiges Anbiedern, um der Kritik zu entgehen?

Menschen in der Gesellschaft erzeugen immer Kritik

Schließlich benötigen wir als individueller Mensch und als Teil der Gesellschaft die Kritik, um uns positiv verändern zu können. Die Aktuell erzeugten Kritiken, über unsere Schieflage in der Gesellschaft, von den Hetzern, Trollen, Demagogen und Populisten, in den letzten Monaten zeigt uns sehr genau, an welchen Stellen wir in unserer Gesellschaft arbeiten müssen.
Als Individuum sind wir Teil, der uns umgebenen Gesellschaft. Wir benötigen die Beurteilungen anderer Menschen, um unser eigenes Leben positiv beeinflussen zu können, damit wir in unserem eigenen Leben gedeihen und unsere Gesellschaft mit gedeihen kann. Es ist nicht unwichtig positive Kritiken zu ernten, sie ermöglichen uns Zugang zu mehr Erfolg, zu mehr Nahrung, zur besseren Unterkunft und wir bekommen leichter Zugang zu unbekannten Ressourcen. Wir wissen alle sehr genau, dass eine negative Kritik es uns erschwert einen guten Job zu bekommen, wir bekommen Probleme unsere Rechnungen zu bezahlen und die Möglichkeiten im Leben, genau das zu machen, was du willst, wenn du es willst, werden eingeschränkt.

Warum fürchten wir uns vor dem Urteil anderer?

In unserer heutigen Gesellschaft existiert nichts, vor dem man Angst haben muss. Wir werden nicht hingerichtet, noch eingesperrt oder verbannt. Unsere sozialen Systeme sind so stark, dass man seine Unterkunft nicht verliert, wir werden nicht verhungern und sind durch unsere Krankenversicherung nicht vom Tode bedroht. Trotzdem lassen wir uns, von unseren Ängsten der Verarmung, der Entrechtung und der Angst vor dem Tod so sehr einschränken, dass wir uns gar nicht weiterentwickeln wollen. Wir tun alles, damit keine Kritik entsteht.

Der beste und leichteste Ausweg aus dieser Falle ist das „Worst-Case-Szenario“

Stelle dir vor, was dass schlimmste wäre, dass dir zustoßen könnte, wenn du eine Kritik mit einer Fotoserie verursachst. Untersuche deine Vorstellungen mit den Mitteln der Logik und beurteile, ob das „Worst-Case-Szenario“ überhaupt realistisch zu erreichen ist. Versuche zu erfassen, wie du dich fühlst, wenn das Szenario gar nicht eintritt.

Nehmen wir einfach mal an, du planst, ein paar Motivideen zu realisieren.  Nur deine Ängste und die zu erwartenden kritischen Beurteilungen halten dich zurück.

Hier einige Ansätze dazu:

  • Man wird dich kritisieren. Wahrscheinlich wird man über dich sagen, du seiest egoistisch, dumm, töricht und blöd.
  • Vielleicht wird man dich egozentrisch nennen. Vielleicht wird man sagen, dass du ein böser Mensch bist. Vielleicht sagt jemand, dass DU ein schlechter Mensch bist.

Wie wir sehen, sind dies alles Gründe, welche in unseren modernen Gesellschaften, dazu führen, dass du sofort deine Lebensberechtigung verlierst und auf dem Platz der Hexenverbrennung deiner harten und gerechten Bestrafung entgegen siehst. Wie wahrscheinlich ist dieses Szenario?

Stelle dir das „Worst-Case-Szenario“ richtig vor. Wie wahrscheinlich ist es, dass es Eintritt?

Mit anderen Worten:

Wie sehr interessiert es dich, was andere über dich denken? Ist es dir wirklich wichtig, was dir völlig unbekannte Menschen, über dich und deine Fotografien denken? Wenn dir eine völlig unbekannte Person sagt: „Du bist egoistisch, dumm, töricht und blöd!“. Was machst du dann? Der normale Fall wäre einfach mit dem Kopf zu schütteln und diese Person in Zukunft zu ignorieren. Schließlich hast du eine eigene Meinung und Motive, über dich selbst und du weißt, dass diese beleidigende Person im Unrecht ist. Warum solltest du, einer dir völlig unbekannten Person, diese Macht zu kommen zu lassen, welche dich in deiner Person zu beeinflusst?

Deine sozialen Kontakte bestimmen deinen Status, als Mensch und Fotograf

Wenn wir unsere Analyse der Kritik weiter vertiefen, dann wirst du feststellen, dass jede Handlung eines Menschen eine Kritik hervorbringt. Wir sind gar nicht in der Lage, es allen (ca. 8 Milliarden) Menschen auf dieser Erde recht zu machen.
Egal was du tust oder unterlässt, es wird immer Menschen geben, welche verärgert reagieren. Dies liegt an den unterschiedlich individuellen Meinungen und Erwartungen an deiner Person als Mensch und Fotograf. Sicherlich fallen dir selbst ein paar Beispiele aus deinem eigenen Leben ein, an denen du deine Eltern, deinen Lebenspartner oder deine Freunde verärgert hast, weil du ihren Erwartungen nicht entsprochen hast. Vielleicht wurde auch nur dein Verhalten missbilligt.


Verfange dich bitte nicht in dem Glauben, dass deine Familie, dein Lebenspartner, dein Boss und andere soziale Kontakte unbedingt sehen möchten, dass du scheiterst. Nicht wenige Personen aus deinem Bekanntenkreis fühlen sich einfach unwohl bei dem Gedanken, dass du etwas „Außergewöhnliches“ oder „Ungewöhnliches“ machst. Du wirst mit Kritiken versorgt, sobald du andere Menschen darauf hinweist, dass man etwas anders machen kann. Gefördert wird es, wenn man es so macht, wie man es immer machte. Nicht wenige werden Reaktionen des Neides zeigen, weil du deine Flügel ausbreitest und dich weiterentwickelst, indem du einen höheren Schulabschluss anstrebst oder eine Weiterbildung beginnst.

Das Bedauern der Lebensbedingungen

Wie stellst du dir deine Lebensgeschichte vor?

Stelle dir vor, du bist ca. 90 Jahre alt und erzählst aus deinem Leben. Ist es wirklich dein sehnlichster Wunsch zu sagen: „Ich habe immer versucht, dass zu tun was andere von mir erwartet haben. Ich habe mein ganzes Leben, in den Toleranzgrenzen anderer gelebt und habe nichts wirklich Spannendes und Verrücktes erlebt. Mein Traum des Lebens geht nun in Erfüllung. Ich habe es geschafft mich ausschließlich für die Grenzen anderer Menschen interessiert. Ich bin ein glücklicher und zufriedener Mensch, weil ich wirklich nichts außerhalb der mir zugestandenen Parameter meines Lebens gewagt habe.“

Sind diese Aussagen ein wirklich großes Lebensziel?

Wie wahrscheinlich ist es, dass du diese Einstellung bereust? Wirst du dich an deinem letzten Tagen des Lebens wirklich um all die negativen Urteile anderer Menschen kümmern? 

Mein Fazit:

Ich habe für mich beschlossen alles zu tun, um an den letzten Tagen meines Lebens NICHTS zu bereuen. Ich gehe heute wesentlich lieber das Risiko ein und setzte mich der Gefahr aus, dass ich scheitere, anstatt es eines Tages zu bereuen, niemals etwas riskiert zu haben. Ich persönlich ziehe es vor, lieber ein paar Federn zu lassen und mich bei einigen Menschen unbeliebt zu machen, als dass ich deren Hämorriden täglich mit einer wohltuenden, kühlenden und betäubenden Salbe einreibe. Dies sollen diese Personen schön selbst machen. Dafür bin ich nicht auf diese Welt gekommen.

Es ist nicht schlimm, einen gesunden Egoismus zu besitzen

Oft wird uns durch die Kritik vermittelt, dass es nichts Schlimmeres als Egoismus und Egozentrik auf dieser Welt gibt.

Ich sage, dies ist der größte Bullshit!

Ein gesundes Maß an Egoismus und Selbstsucht ermöglicht es dir, dass du dich auf die selbst konzentrieren kannst, es bedeutet eine Reflexion des eigenen Verhaltens, damit du deiner eigenen Leidenschaft folgen kannst. Es ermöglicht dir, deiner tiefen inneren Stimme zu folgen und dich in deinem eigenen Takt des Lebens weiterzuentwickeln.

Um ein wirklich episches Leben zu führen, bist du gezwungen, selbstsüchtig und selbstbezogen zu sein. Ohne diese beiden Eigenschaften kannst du nämlich nicht mal eine neue Sprache erlernen, du kannst dich nicht gegen andere durchsetzen, damit du eine dir zustehende Lohnerhöhung bekommst.
Ich nutze meinen Egoismus und meine Egozentrik, um mich persönlich weiterzuentwickeln. Ich beschäftige mich sehr viel mit Philosophie, der Fotografie, Kunst und Kultur, dies ermöglicht es mir ein besserer Mensch zu werden. Dieses „bessere“ Mensch sein strahlt in der Konsequenz in die Gesellschaft zurück.

Kurz gesagt:

Bemühe dich aus egoistischen Gründen ein besserer Mensch zu werden, bevor du anderen erklärst, was ein besserer Mensch ist. Du solltest nämlich in der Lage sein, dieses „besser sein“ auch Selbst anschaulich und vorbildlich zu zeigen. Solange du nämlich keine Maßstäbe hast, fehlt dir jegliche Grundlage für eine Kritik an anderen Menschen. Dies gilt auch in der Fotografie.

Wie überwinden wir die Ängste von Kritiken und Urteilen anderer Menschen?

  • Sei dir bewusst, dass all dein Handeln und Tun von deinen eigenen egoistischen und egozentrischen Motiven geleitet wird.
    Du möchtest mit deinem Verhalten, bei anderen Menschen etwas erreichen. Sei es die Darstellung der Selbstlosigkeit oder des Weisen und zurückhaltenden Menschen. Du willst etwas bei anderen Menschen erreichen, und zwar nur du allein. Nicht selten will man einfach nur von allen geliebt werden und wird ein Arschkriecher, um dies zu erreichen.
  • Stelle dir vor alle Menschen um dich, würden dich hassen.
    Wie geht es dir damit? Ist es dir wirklich wichtig? Es existiert bestimmt eine nicht zu kleine Schnittmenge von Menschen, bei denen es dir völlig gleichgültig ist.
  • Was wäre die schlimmste Konsequenz, wenn du ein Risiko eingehst und scheiterst?
    Befürchtest du eine Gesellschaftskritik, den finanziellen Ruin, die Todesstrafe, eine Stigmatisierung?
  • Trenne dich von Zeit zu Zeit für von dir bestimmte Zeiträume von sozialen Kontakten.
    Ich nenne es den „Zen-Mönch-Modus“.
    In der heutigen Gesellschaft ist es die einzige Möglichkeit sich auf seine eigene Weiterentwicklung zu konzentrieren. Schalte dein Smartphone auf „Flugmodus“, interessiere dich an bestimmten Tagen nicht für E-Mails oder irgendwelche anderen völlig unwichtigen Nachrichten. Setze dich hin und lese zum Beispiel in aller Ruhe ein Buch, welches dich weiterentwickelt als Mensch. Blockiere alle unnötigen Informationen, welche dich von dir selbst ablenken. Ignoriere die sozialen Medien, ignoriere Nachrichten und aktuelle Ereignisse, diese Welt wird auch ein paar Tage ohne dich klarkommen. Behandle dies wie ein „Fasten“ von Informationen und mache dir Gedanken, welche Informationen du in Zukunft wirklich benötigst, um deine geistige Gesundheit zu gewährleisten.
  • Mache lange Spaziergänge, schalte dein Telefon aus, gehe extra langsam und begreife das Spazierengehen als Meditation.
    Höre keine Musik und konzentriere dich auf dein Gehen und dich selbst. Nutze eventuell eine besonders alte Kamera, um ganz besondere Eindrücke des Spaziergangs zu bewahren. (Zenfotografie) betreibe diese Art der Fotografie ausschließlich für dich allein. Niemand hat es zu interessieren, was du in diesem visuellen Tagebuch schreibst.
  • Denke an dich selbst, wenn es um deine persönliche Weiterentwicklung geht.
    Nimm keine Rücksicht auf andere, wenn es dich und deine Person zu einem besseren Menschen macht.
  • Vermeide den Kontakt zu verkommenen und niveaulosen Menschen.
    Dies lässt sich nicht immer vermeiden.
    Bedenke:
    „Wer sich oft und gerne mit verkommenen und niveaulosen Menschen abgibt, wird am Ende selbst verkommen und niveaulos sein.“
    Lass dir also niemals von anderen das Niveau aufdrängen und vermeide so, dass du dich um des „Friedens“ willen erbärmlich fühlst.

Dein Leben als Mensch und Fotograf ist viel zu kurz, wertvoll und einmalig, um dich in irgendeiner Weise bücken zu müssen, damit du bei deinen Freunden ankommst.

Sei stark! Verursache Kritik und finde deine wahren Unterstützer!

Liebe Grüße

Herr Rausch