Die konstruktive Kritik

Liebe Freunde,

einen guten Fotografen erkennen wir an seinen Fähigkeiten der Selbstkritik. Wer gute Fähigkeiten der Selbstkritik beherrscht, ist nämlich auch ein guter Kritiker. Das Ziel einer guten und konstruktiven Kritik ist es, anderen Fotografen, mit dem Verfassen einer Kritik hilfreich UND konstruktiv zur Seite zu stehen.

Merke dir folgende Sätze für deine Kritiken in Zukunft:

Kritik ist lebenswichtig. Für Kritiker.

© Erhard Blanck (*1942), deutscher Heilpraktiker, Schriftsteller und Maler

Das Abwerten ist immer nur eine armselige Form sich aufzuwerten.

Mario Kellermann (schatzquellen.de)

Hilf anderen Fotografen und Menschen durch konstruktive Kritik

Was ist eine Kritik?

Unter Kritik versteht man die Beurteilung eines Gegenstandes oder einer Handlung anhand von Maßstäben. Wie die Philosophin Anne-Barb Hertkorn ausgeführt hat, ist Kritik damit „eine Grundfunktion der denkenden Vernunft und wird, sofern sie auf das eigene Denken angewandt wird, ein Wesensmerkmal der auf Gültigkeit Anspruch erhebenden Urteilsbildung.“[1] Sie gilt im Sinne einer Kunst der Beurteilung als eine der wichtigsten menschlichen Fähigkeiten.

(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Kritik)

  • Die Kritik ist eine SUBJEKTIVE Beurteilung über oder von etwas. Eine Kritik funktioniert nur, wenn sie anhand von Maßstäben und Beurteilungskriterien geführt wird. Sie steht in Abhängigkeit zur Lebensphilosophie des Kritikers.
  • Eine konstruktive Kritik veranschaulicht die Maßstäbe und Kriterien, des Kritikers. Das erklärte Ziel einer konstruktiven Kritik ist die Weiterentwicklung und nicht die Vernichtung oder das Unterbinden.

Die konstruktive Kritik ist die einzig nützliche Form der Kritik! 

Warum? Beim Verfassen einer konstruktiven Kritik erhält der Fotograf wertvolle Informationen, wie er z. B. einen Fehler vermeidet. Es wird mit Hilfe von anderen Fotografien veranschaulicht, wie man sich seiner Sichtweise weiterentwickelt. Eine wirklich hilfreiche Kritik ist positiv, inspirierend, erheiternd und vor allem nützlich.

Es fängt bei jedem Selbst an!

„Wertschätzen bedeutet Wertschöpfen“

facebook.com/ProfilerSuzanne

Man findet leider viel zu oft Fotografen, deren Kritik nutzlos, beleidigend und diffamierend ist. Viele der verfassten Kritiken sind eher Meinungen und Behauptungen und entbehren jeglichen nachvollziehbaren Maßstäben und Kriterien.

Prinzipiell ist es auf dem ersten Blick gar nicht schlimm, wenn eine Fotografie durch den Kritiker zerrissen wird. Erst die Frage nach dem „Warum“ macht die verfasste Kritik interessant. Die Frage nach dem Warum beleuchtet die wahren Gründe einer Kritik. Nicht selten geht das Verfassen einer Kritik mit einer Entwertung des Fotografen einher, damit sich der Kritiker ohne eigenes Zutun als „wertvoller“ darstellen kann. 

Frage also immer nach dem „Warum“ und bestehe auf die Beantwortung der Frage.

Manchmal ist es ehrlicher, damit zu beginnen und zu erklären, warum man eine Kritik überhaupt verfasst.

Als Beispiel:

„Ich kann dich als Person und Fotograf nicht leiden. Mich interessieren deine fotografischen Positionen und Gedanken nicht. Ich bin nämlich davon überzeugt, dass man Fotografie weder erlernen noch studieren kann, es handelt sich allein um ein angeborenes Talent. Und dieses genetisch bedingte Talent bzw. das „Foto-Gen“ fehlt dir einfach.“

Dies eine auf dem ersten Blick eine vernichtende Kritik. Allerdings hilft sie in keinem Falle weiter. Wir sind uns einig, dass diese Kritik es gar nicht darauf abgesehen hat.

Ich erinnere mich noch sehr gut an verschiedene Aussagen der Vergangenheit, über meine Person und meine Fotografien, als ich mit meinem Studium der Fotografie begonnen habe.

  • Es ist der falsche Dozent.
  • Es sind die falschen Inhalte.
  • Es sind die falschen Bücher, welche ich zum Studium und darüber hinaus gelesen habe.
  • Es ist die falsche Kamera, die falsche Bearbeitung
  • Falsch, falsch, falsch…

Diese Liste ließe sich ohne Probleme endlos verlängern. Jede einzelne Kritik wurde nicht mit dem Ziel der Weiterentwicklung geäußert. Es ging, um das Stoppen meines Vorhabens. 

An dieser Stelle möchte ich bemerken:

„Es tut mir leid, aber ihr hattet kein Erfolg mit euren Kritiken. Ihr müsst euch in Zukunft mehr Mühe geben, damit euer Wunsch in Erfüllung geht.“

Was gehört zu einer Kritik?

Es geht um die Beantwortung von drei Fragen:
Was sehe ich? Wie sehe ich es? Warum sehe ich es so?

Wenn ich mich in Kritik übe, beantworte ich diese drei Fragen (erst mal für mich Selbst).
Anschließend gehe ich wie folgt vor:

  • Ich überprüfe meine Gedanken, ob sie richtig und vernünftig sind. Wenn ich gar nichts positives oder konstruktives Aussagen kann, dann ist das Gesehene wahrscheinlich nicht für mich bestimmt und ich Suche mir Fotografien, welche ich mit mehr Gefälligkeit und Wohlgefühl ansehen kann. Es steht mir nicht zu, einen anderen Fotografen in den Boden zustampfen, weil er meinen Geschmack nicht getroffen hat. Die einzige vernünftige Möglichkeit besteht ausschließlich darin, dass ich gerade diesen Fotografen beauftrage und ihn meine Maßstäbe erkläre. Erst bei Lieferung bzw. bei der Umsetzung der Motivideen kann ich kritische Bemerkungen machen.
     
  • Ich sage, was mir an den Fotografien gefällt.
    Ich hebe unter vielleicht hervor, welche Teile der Fotografie für mich besonders visuell ansprechend und interessant sind.
  • Ich weise darauf hin, was ich empfinde.
    Ich erkläre was mich in der gesehenen Fotografie ablenkt oder welches Element ich als störend empfinde und erkläre warum.
  • Ich versuche Hinweise oder Ratschläge zugeben, wie man die gesehene Fotografie, zum  Beispiel durch anderen Beschnitt oder durch eine andere Bearbeitung (zumindest meinem subjektiven Empfinden nach) verändern könnte.

Sei ehrlich und liebevoll

Verfasse keine Kritik „wie eine Axt im Wald“.

Es existiert eine gewisse Finesse, um anderen Fotografen eine konstruktive Kritik zu geben. Als Erstes sollte man sich selber die Frage stellen: Möchtest du den anderen nur Beleidigen, diffamieren und Mundtod machen? Dann solltest du nämlich von dem Verfassen einer Kritik abstand nehmen.
Insgesamt geht es beim Verfassen einer Kritik, um den Ton. Der Ton macht die Musik und ist für eine sachgerechte Kritik maßgebend. Je freundlicher, nachvollziehbarer und hilfreicher deine Kritik verfasst ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass deine Kritik ihr Ziel erreicht und es zu einer Weiterentwicklung kommt.

Vermeide das Verfassen einer Kritik, die dein Gegenüber in die Defensive bringt. Wenn sich dein Gegenüber, in der Defensive befindet, verschließen sich Augen, Ohren und vor allem das Herz. Der professionelle „Killer“-Kritiker erhöht dann den Druck und eröffnet einen Streit. Dieses Verhalten haben nur Kritiker nötig, wenn sie es selbst nicht besser wissen oder machen können.  Sie wollen einfach deine weitere Beschäftigung mit dem fotografischen Thema stoppen und nichts anderes.

Zum Vergleich:

Ich habe mir deine Fotografie angesehen und lange nachgedacht. Insgesamt gefällt mir deine Motividee sehr gut, leider empfinde ich den Hintergrund als zu unruhig. Vielleicht hilft es den Hintergrund etwas zu entsättigen und noch unschärfer zu gestalten, auf diese Art kommt das Hauptmotiv im Vordergrund besser zur Geltung.

oder so:

Ich habe zwar keine Ahnung von Fotografie. Aber eine gute Fotografie stelle ich mir anders vor. Sie ist grenzüberschreitend und geschmacklos.“

Frage doch erst mal, um Erlaubnis!

Es ist gar kein schlechter Gedanke, wenn man die betreffende Person erst mal fragt, ob du sie kritisieren darfst. Denn es ist an ihr, ob sie deine Kritik ernst nehmen möchte, um daraus eine Rückmeldung zu bekommen, ob du überhaupt mit deiner Kritik überhaupt von Relevanz bist.

Viele vergessen das Fragen oder übergehen bzw. ignorieren dies einfach.

Viele übersehen den Umstand, dass wenn man vorher um die Erlaubnis einer Kritik bittet, dass der Ausgangspunkt ein ganz anderer ist. Ich nehme durch das Fragen nach der Erlaubnis, den Fotografen ernst und der Fotograf nimmt mich ernst. Es ist somit ein Austausch auf Augenhöhe. Wenn man jetzt noch eine sachliche und nachvollziehbare Kritik liefert, welche dem anderen weiterhilft, dann hat man alles erreicht, was möglich ist. Vielleicht ist es nur die Angst, dass die eigene Meinung nicht sehr relevant ist. Wir alle hören dies sehr ungern.

Leider sind viele Fotografen im Internet viel zu faul und „selbstbeweihräuchernd“, um überhaupt eine sinnvolle Kritik verfassen zu können. Vielen geht es eher, um die Selbsterhöhung und die Abwertung des anderen.

Die Realität der Kritik

Wir sitzen ein wenig in der Falle, wenn wir uns mit der Kritik beschäftigen. Denn interessanterweise fällt es uns aufgrund unserer Kultur sehr viel leichter etwas abzuwerten als aufzuwerten.
Es fällt uns sehr leicht eine herablassende, beleidigende, diffamierende und abwertende Kritik in großem Umfang mit vielen Details zu verfassen. Wir tun uns sehr schwer mit dem Verfassen einer positiven Kritik. Richtig schwer wird es, wenn wir auch nur annähernd versuchen wollen, diese genauso farbenfroh und detailreich zu verfassen, wie es für uns üblich in der „negativ“ Kritik ist.
Viele vergessen, dass es sich nur um eine Fotografie handelt, welche gerade betrachtet wird und ein Logarithmus hat entschieden, dass du diese Fotografie nun wahrnehmen sollst. Das Wahrnehmen einer Fotografie ist nicht mehr und nicht weniger als ein ästhetischer Reiz und löst einen Eindruck/eine Meinung aus. Anstatt sich diesen Umstand bewusst zu machen, dass es sich um einen kurzzeitigen Reiz handelt, wird dieser Reiz bekämpft in Form einer niederschmetternden Kritik, ohne sich im Klaren darüber zu sein, dass der Logarithmus genau dies erreichen möchte.

In der Stoa gibt es einen Rat dazu:

„Sei dir bewusst, dass alles um dich herum nur ein Eindruck deiner subjektiven Realität ist. Du kannst dich hingeben und einige Eindrücke bekämpfen und deine Energien daran verschwenden. Am Ende hast du selbst schlechte Laune. Du kannst aber auch Weise sein und diesen Eindruck einfach so belassen, denn er wird sich nicht verändern, hierbei ist es egal, wie sehr du schreist. Nimm diesen Eindruck stoisch hin und konzentriere dich auch andere, dir gefällige Eindrücke und bestärke diese.“

Formuliere deine Kritik so, wie du sie selbst gerne (für dich) hören möchtest

So wie man in den Wald hinein ruft, schallt es raus

dt. Sprichwort

Falls du immer noch Zweifel hast, wie eine konstruktive Kritik zu formulieren ist. Dann versetze dich in die Lage deines Gegenübers und überlege, welche Informationen für den anderen sinnvoll sein könnten, um ihn in seiner Position weiterzuhelfen. Dies hilft dir bei der Auswahl des was, wie und warum.

Der Sinn einer Kritik sollte nicht sein, dass sich dein Gegenüber beschissen, erniedrigt und dumm fühlt. Deine geäußerte Kritik sollte auch nicht dein eigenes „Ego“ bestärken, indem du andere abwertest.

NEIN!

Dein Pflicht als Fotograf besteht darin, deine Mitfotografen in ihren Fähigkeiten zu stärken und zu entwickeln. Es ist deine Pflicht als Mensch, anderen Menschen dabei zu helfen ihr positives Maximum zu erreichen.

Herr Rausch Fotografie

Sei brutal ehrlich, wenn du eine Beurteilung für eine Fotografie verfasst, aber mache dies mit dem nötigen Fingerspitzengefühl, einer Portion Liebe, ausreichender Empathie und einem spürbaren wohlwollenden Herzen.

Liebe Grüße

Herr Rausch