Wege des Sehens

Der Vorgang des Sehens ist sehr viel komplexer und komplizierter als im ersten Augenblick angenommen. Darüber hinaus hat das Sehen eine größere fundamentale Bedeutung für uns Menschen, als es uns im ersten Augenblick klar ist.

Bei dem Sehen geht es, um die Frage:

  • Wie sehe ich mich?
  • Wie positioniere in mich in unserer Umwelt?
  • Wie sehe ich die Dinge dieser Welt?

Im Verhältnis zu:

  • Wie siehst du mich?
  • Wie positionierst du dich in unserer Umwelt?
  • Wie siehst du die Dinge dieser Welt?

Das Sehen und die Realität

Der Mensch kann sehen noch bevor er sprechen kann. Es bedeutet, dass der Mensch, die ersten Seherfahrungen zwar nicht in Worte fassen kann, dennoch ist er in der Lage die ersten gesehenen Erlebnisse mit einer Emotion zu verbinden und diese entstandenen Gefühle, wenn der Mensch etwas bestimmtes sieht, werden dann tief in der menschlichen Seele verankert. Diese sogenannte Prägungsphase bei Säuglingen und Kleinkindern ist ein nicht zu unterschätzender Faktor in der Entwicklung des Menschen. Säuglinge und Kleinkinder beobachten ihre Umwelt sehr aufmerksam. Säuglinge reagieren sehr schnell auf die Mimik ihrer Eltern und deren von sich gegebenen Geräusche (z.B. Sprache), anhand dessen welche Emotion in Verbindung mit der Mimik der Eltern und welches Geräusch wahrgenommen werden, entstehen die ersten Eindrücke der Realität des noch sehr jungen Menschen. An dieser Stelle ist es wichtig anzumerken, nicht zu vergessen und zu übersehen, dass der Säugling und das Kleinkind nicht in der Lage ist, sich seiner selbst und seinen Gefühlen zu Äußern. Schließlich kann es noch nicht sprechen, somit ist es für das Kleinkind unmöglich sich und seine Gefühle, durch zu Hilfenahme der Sprache dezidiert zu äußern.

Dies bedeutet, dass der Mensch in den ersten Monaten seines Lebens, seine Umwelt zwar nicht beschreiben kann, dafür kann er sehr gut das Gesehene mit einer Emotion verbinden. Es bedeutet auch, dass die ersten Lebensmonate mehr eine gefühlte Realität darstellt, als eine durch Worte beschreibbare Realität.

Das Sehen und die Sprache

Im Laufe der Zeit entwickelt der Mensch, dann seine sprachlichen Fähigkeiten. Wir beginnen als Mensch unsere wahrgenommene Umwelt zu beschreiben. Wir erlernen Wörter, Begriffe, welche wir in Kategorien einteilen, hierbei werden die vorhandenen Sehempfindungen aus der Prägephase mit einbezogen. Es bedeutet, dass die Wörter, Begriffe und Kategorien, die zum Zeitpunkt der Vergegenwärtigung im Menschen stattfinden, den gespeicherten Emotionen zugeordnet werden.

Hier entstehen die ersten Probleme der Wahrnehmung.

Denn es existiert ein großer Unterschied, zwischen dem was wir als Mensch sehen und dem was wir glauben über das „Gesehene“ zu wissen.

Ein Beispiel:

Wenn wir uns einen besonders schönen Sonnenuntergang ansehen (oder von ihm lesen), dann ordnen wir individuelle Emotionen diesem Ereignis zu.
Die vorhandenen Emotionen lassen sich aber nicht durch das vorhanden sein des Faktenwissens erklären. Die Emotionen stehen in den meisten Fällen nicht im Einklang mit dem Wissen darüber, dass sich unser Standpunkt auf der Erde gerade von der Sonne wegbewegt und nun in den schattigen Bereich der Erde übergeht.

Vom Glauben zu wissen was wir sehen

Die Art und Weise „wie“ wir etwas sehen, wird beeinflusst von dem was wir glauben zu wissen, was wir sehen.

Im Mittelalter haben die Menschen gewusst, dass die Hölle real existiert. Dies hatte einen nicht zu unterschätzenden Einfluss darauf, wie die Menschen des Mittelalters ein großes Feuer betrachteten und reagierten. Bis heute haben wir Menschen, welche fest daran glauben, dass ihre Herkunft darüber bestimme, ob es zu einer Anerkennung von Menschrechten kommt oder nicht. Während es der größere Teil der Menschheit geschafft hat, sich von mittelalterlichen Vorstellungen zu trennen, sind dennoch nicht alle Menschen in der Lage, über ihre eigene Wahrnehmung nachzudenken und zu hinterfragen. In der Philosophie finden wir schon in der Antike die Beschreibung dieser Problematik. Im Stoizismus wird er Agnoia und Amathia genannt.

Agnoia:
ist vergleichbar mit dem nicht Wissen oder einem vorhandenen Unwissen, welches durch lernen, üben und Hinterfragen schnell zu ändern ist.

Amathia:
ist eine unheilbare Krankheit. Ihr Symptom: die schlichte Weigerung sich mit neuem Wissen und neuen Erfahrungen zu beschäftigen oder sie zu zulassen. Menschen, die an Amathia leiden, sind keineswegs dumm oder unintelligent. Scheitern an in ihrer „Intelligenz“ und ihrem fundamentalen Glauben das richtige Wissen in sich zu tragen. Ihre Unfähigkeit etwas Neues zu erlernen oder zu erfahren, hängt nicht mit einer Lernbehinderung zusammen. Es ist allein die Weigerung des Erlernens, es ist die Verweigerung von neuen Erfahrungen, das Ablehnen von neuen Fakten und neuem Wissen, dass diese Menschen an einer Weiterentwicklung hindert. Diese Menschen leben in einer Welt, welche im Wesentlichen mehr auf den Glauben vom einzig richtigen Wissen basiert, als auf neue und sich veränderte Erkenntnisse diese Welt. Diese Menschen bedürfen einer tiefgreifenden Kur vom Glauben an sich selbst.

Wir haben nun festgestellt, dass das Sehen, noch bevor wir die Welt beschreiben können, einen großen Einfluss auf uns Menschen hat. Wir haben verstanden, dass es uns nicht immer gelingt, das Gesehene in die Worte zu fassen, um auszudrücken, was wir letztendlich empfinden.

Das Sehen, ist wesentlich mehr und Umfangreicher, als die bloße Reaktion auf einen gesetzten Reiz in unserem Sehnerv.

Wir sehen nur was wir sehen wollen

  • Wir können nur sehen was wir sehen wollen.
  • Es ist eine aktive Entscheidung des Betrachters, was er wann, an welchem Ort und unterwelchen Gesichtspunkten er etwas ansieht.

Die Konklusion aus diesen Aussagen:

Was wir als Menschen betrachten oder ansehen, muss sich zwingend innerhalb unseres Erkenntnishorizontes bewegen. Das Gesehene wird in unsere individuelle Lebensphilosophie eingefügt, der Mensch reagiert anschließend nach seiner individuellen Sicht- und Denkweise auf das Gesehene.

Das Sehen und das Positionieren in der Umwelt

Wenn wir etwas betrachten, dann Vergegenwärtigen wir das Gesehene, vor unserem geistigen Auge. Wir erfassen das Gesehene und erfassen und beschreiben es mit Wörtern, Begriffen und Kategorien, anschließend positionieren wir uns gemäß unserem Selbstbild zum Gesehenem.

Die ist auch einer der Gründe, warum unser Fokus kontinuierlich und aktiv, um uns herum kreist. So stellen wir unsere Relationen zum Gesehenem und uns selbst her. Das Positionieren zu etwas, dass uns in eine Relation zu etwas bringt, konstruiert, mit Hilfe der verwendeten Wörter und Begriffe, die wir verwenden, um unsere Umwelt zu beschreiben, unsere individuelle Realität und unser Selbstbild.

Hierbei wird gerne übersehen, dass uns während der Prägephase vom Säugling bis zum Kleinkind, sehr klar beigebracht worden ist, welche Emotion wir mit dem Gesehenen verbinden sollen, es wurde uns im Laufe der sprachlichen Entwicklung auf angelernt, was und vor allem wie wir auf Gesehenes reagieren und wie wir es beschreiben oder wiedergeben sollen.

So wird der Mensch ein Abbild des durchschnittlichen Erkenntnishorizontes seiner sozialen Umgebung.

Sobald der Mensch realisiert, dass er sieht. Realisiert er auch, dass er selbst gesehen wird. Doch die Bildung des Verständnisses, wie wir uns selbst zu sehen haben, wird stark beeinflusst vom sozialen Umfeld. Uns wird beigebracht, antrainiert und vorgeschrieben, wie wir uns selbst zu sehen haben, hier drauf beruhen unsere gezeigten Verhaltensweisen und Rollenmuster, in Interaktion mit unserer umgebenden Gesellschaft.

Viele Grüße Herr Rausch