Die erweiterten Eigenschaften der Fotografie

Es existiert eine unterschätzte und geheime Macht in jeder Fotografie.

Leichtfertig wird übersehen, dass der Mensch die gesehenen Fotografien erst decodieren muss. Der Betrachter muss sich, dass Bildmotiv erst aktiv ansehen und passiv in seinen Gedanken vergegenwärtigen. Diese kleine Tatsache, geht unterbewusst und so schnell vor sich, dass wir diesen alltäglichsten Aspekt der Fotografie eher unterschätzen.

Eine Fotografie stimuliert Emotionen

Das Ziel einer Fotografie, ist dass sie eine Emotion in den Betrachter projizieren soll.

Hier entsteht ein Problem:

Die gefühlten Emotionen des Betrachters unterscheiden sich zum größten Teil immens von den gewünschten Emotionen des Fotografen.

Die gefühlten Emotionen des Betrachters, welche aufkommen sollen, stehen in Abhängigkeit zu seinem generellen Interesse, sich diese Fotografie überhaupt anzusehen, sie stehen im Zusammenhang mit dem Interesse sich Fotografien vom Fotografen anzusehen, sie werden beeinflusst durch das Wissen (oder dem Glauben daran, dass wir etwas Wissen) über den Fotografen und seinen Fotografien. Hinzukommt, dass die Wirkung einer Fotografie auf den Betrachter, von dessen Weltanschauung, dessen Lebensphilosophie, dessen Werteverständnis, der Selbstwahrnehmung und dem gesellschaftlichen Umfeld in nicht trennbarer Abhängigkeit steht.

Da wir Menschen idiosynkratische Wesen sind, ist es für den Fotografen fast unmöglich, die hervorgerufenen Emotionen beim Betrachter festlegen zu können.

Der Vorgang des Sehens

Der Betrachter schaut auf eine Fotografie, anschließend decodiert und assoziiert er den Inhalt der Fotografie. Im Anschluss daran interpretiert er das Gesehene und ist im festen Glauben, dass die Gesehenen, interpretierten und assoziierten Eigenschaften, welche der Betrachter in diesem Bild sieht, tatsächlich in der Fotografie vorhanden sind. Sie leben in dem Glauben,dass die Emotionen quasi mit Absicht in ein Bildmotiv eingebaut wurden.

Die Psychologie der Fotografie

Das was der Betrachter in einer Fotografie sieht und was der Betrachter über eine Fotografie aussagt, hat sagt mehr über den Betrachter aus, als über die Fotografie und den Fotografen.

Eine Fotografie kann von sich aus nicht traurig, provokant oder kreativ sein. Es ist und bleibt eine Fotografie, welche im Idealfall eingerahmt an einer Wand hängt.

Allerdings geben uns die Aussagen des Betrachters unserer Fotografien einen ungefilterten und unverstellten Blick in das tiefe Seelenleben des Betrachters selbst.

Schließlich ist er es, der genaue Aussagen darüber macht, woran er bei der Betrachtung der Fotografie interessiert ist, er macht genaue Aussagen welche Punkte dem Betrachter als uninteressant erscheinen. Wir erhalten Auskunft darüber, was für den Betrachter als relevant und ansprechbar erscheint, wir erfahren woran er glaubt, was der Betrachter ablehnt und welche Aspekte er willentlich und absichtlich übersieht, ablehnt und in seiner Interpretation des Bildwerkes nicht beachten möchte.

Der Blick in die Seele

Der interessierte Fotograf kann an dieser Stelle ansetzen, nachhaken und nachfragen.

Warum und weshalb die festgestellten Assoziationen, Interpretationen in der gesehenen Fotografie vorhanden?

Mögliche Fragestellungen sind:

  • Warum diese Assoziation oder Interpretation?
  • Warum sind diese gerade in dieser speziellen Fotografie enthalten und nicht in einer anderen vergleichbaren?
  • Weshalb und vor allem wie kommt es dazu, dass ein erwähnter Teilaspekt der Fotografie, als evidenter Beweis für die Aussage des Betrachters gesehen wird?
  • Warum ist es bei einer vergleichbaren Fotografie eines anderen Fotografen anders?

Vermeide es tunlichst den Betrachter auf eine etwaige Fehlinterpretation aufmerksam zu machen. Menschen können sehr ungehalten reagieren, wenn sie auf Fehler aufmerksam gemacht werden.

Gehe behutsam vor!

Nur geduldiges, behutsames und ruhiges Nachfragen eröffnet dir den tiefen ein Blick in das Seelenleben deines Betrachters. Nur so erhälst du Informationen über das Weltverständnis, die Lebensphilosophie und wesentliche Persönlichkeitsmerkmale deines Betrachters.

Das unbewusste Wertesystem des Betrachters

Wenn du richtig vorgehst, dringst du sogar bis in das unterbewusste Wertesystem deines Betrachters vor. Es ist möglich mit Hilfe einer einzigen Fotografie an die innersten Fundamente des inneren und verborgenen Wertesystems deines Betrachters vorzudringen.
Dieses Fundament bildet das Wesen, den Charakter deines Betrachters, es ist fest verbunden mit seinem prägenden Umfeld, seine sozialen Stellung und der eigenen Verortung in alle dem.
Wir erhalten an diesem Punkt Informationen über die Kultur und seinem sozialen Umfeld, welche den Betrachter zu der Person werden lies, die gerade mit uns in Kontakt steht.

Dieses unterbewusste und tief verschüttete Wertesystem des Betrachters, stellt die Basis, für alle seine Entscheidungen und Handlungen des alltäglichen Lebens und ist die Grundlage für all seine Urteile, Meinungen und Aussagen über das Selbstverständnis des Betrachters im Bezug auf seine Umwelt.

Der Betrachter kann dem nicht entkommen

Selbst eine oberflächliche und aufgesetzte Aussage, ist eine Aussage über den Betrachter.

Denn mit jeder Aussage, mit jeder Handlung und jedem Urteil, gibt der Betrachter etwas über sich und seinem Verständnis dieser Welt preis. Wir erhalten Aufschluss darüber, wie der Betrachter seine Umwelt filtert und wie er seine Wahrnehmung in sein Weltbild einfügt. Dies tut der Betrachter völlig unbewusst und unfreiwillig. Allein die Interaktion zwischen dem Betrachter und seiner Umwelt geben uns Fotografen sehr viele Informationen, die ein Betrachter lieber für sich behalten würde.

Wer mehr darüber erfahren möchte kann hier Anfangen:

https://www.paulwatzlawick.de/axiome.html

Grüße Herr Rausch